Selbstkontrolle bei Diabetes: Blutzucker oder Gewebezucker messen

Wissenschaftliche Unterstützung: Prof. Dr. Andreas Fritsche / Andreas Vosseler M.A.

Menschen mit Diabetes, die sich mehrmals am Tag Insulin spritzen, müssen die Höhe ihres Blutzuckerwertes im Blick haben. Die Menge an Insulin, die zu den Mahlzeiten gespritzt wird, hängt unter anderem vom jeweils aktuellen Blutzuckerwert ab. Mehrmals täglich Blutzucker oder Gewebezucker zu messen gehört also zu einer sorgfältigen Diabetes-Behandlung. Vereinzelte Kontrollen bei der Hausärztin beziehungsweise dem Hausarzt oder in der Apotheke sind nicht ausreichend.

Selbständiges Blutzucker- oder Gewebezuckermessen zielt darauf ab,

  • die eigene Stoffwechsellage zu jeder Zeit selbst einschätzen und darstellen zu können.
  • die Auswirkungen der Insulingaben zu überwachen.
  • Stoffwechselschwankungen rechtzeitig erkennen zu können (Unterzuckerungen und Überzuckerungen).
  • das angestrebte Ziel des Langzeit-Blutzuckerwertes (HbA1c-Wert) zu erreichen und zu halten.

Zur Dokumentation der Messwerte bieten sich Blutzuckertagebücher an – klassisch in Papierform oder elektronisch. Blutzuckertagebücher sind ein wichtiges Dokument, um beim Arztbesuch die Entwicklung der Werte in den letzten Wochen zu besprechen.

Blutzucker messen mit dem elektronischen Blutzuckermessgerät

Auf dem Markt ist eine Vielzahl von Blutzuckermessgeräten verfügbar, die in der Regel einfach zu bedienen sind. Sie variieren in der Größe und haben teilweise unterschiedliche Funktionen. Das Grundprinzip ist jedoch immer gleich: Ein Blutstropfen wird auf einen Teststreifen aufgebracht. Das Gerät misst elektrochemisch die Blutzuckerkonzentration und gibt einen digitalen Wert aus (in mg/dl oder mmol/l), der – in der Regel – auf den Zuckergehalt im Blutplasma umgerechnet ist. Auf diese Weise sind die Werte besser vergleichbar mit den Messungen, die nach einem Arztbesuch im Labor durchgeführt werden.

Für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen gibt es Messgeräte,
die das Ergebnis akustisch wiedergeben.

Bei falscher Handhabung können Fehler auftreten. Eine gute und ausführliche Schulung ist daher unerlässlich. 

Gut zu wissen:

Hilfreich ist beispielsweise der Gesundheits-Pass Diabetes. Er erinnert an das Messen von Körpergewicht und Blutdruck sowie an regelmäßige Untersuchungen von Augen oder Füßen. Zudem gibt es einen Diabetes-Pass speziell für Kinder und Jugendliche

Gut zu wissen:

Die Messgenauigkeit der auf dem Markt erhältlichen Systeme ist sehr unterschiedlich. Lassen Sie daher Ihr Gerät von Zeit zu Zeit in einer Arztpraxis überprüfen.

Anders als die punktuelle Selbstmessung mit dem Blutzuckermessgerät gibt diese Methode im Abstand von Minuten Auskunft über den Gewebeglukosewert (Zuckergehalt im Unterhautfettgewebe). Man spricht auch von „real time CGM“ (englisch: continuous glucose monitoring=kontinuierliche Glukosemessung) oder kurz „rtCGM“ (englisch: real time=Echtzeit) oder „intermittent-scanning CGM“ (iscCGM).

  • Dies ist ein Vorteil vor allem für Personen, die häufig ihren Glukosewert messen und ihre Insulinmenge anpassen müssen.
  • Zudem ist ein kontinuierlicher Verlauf der Zuckerwerte sichtbar. Einem Anstieg oder Abfall des Zuckergehaltes kann rechtzeitig entgegen gewirkt werden.
  • Ein Sensor wird am Bauch oder am Oberarm mit einem Pflaster fixiert. Dort verbleibt er über einen Zeitraum von mehreren Tagen.
  • Anders als beim oben beschriebenen Blutzuckermessen aus einem Blutstropfen (kapillares Vollblut) wird bei dieser Methode der Zuckergehalt in der Gewebeflüssigkeit bestimmt.
  • Im Abstand von wenigen Minuten sendet der Sensor die Messwerte, umgerechnet in die entsprechende Zuckerkonzentration im Blutplasma, an einen speziellen Empfänger oder eine App auf dem Smartphone oder eine Insulinpumpe.

Bei dieser Methode können Menschen mit Diabetes den Gewebeglukosewert also jederzeit ablesen. Das Gerät schlägt Alarm, wenn die Gewebezuckerkonzentration voreingestellte Grenzwerte über- oder unterschreitet.

Bei real time CGM-Systemen werden die Zuckerwerte automatisch auf das Empfangsgerät gesendet. Beim iscCGM (auch „flash glucose Messgerät“ (FGM) genannt) werden die Zuckerwerte nur durch aktives Abscannen des Sensors mittels Lesegerät (oder Smartphone) angezeigt. Beide Systeme können jedoch automatisch bei Über- oder Unterschreiten der eingestellten Glukosewerte warnen und zeigen den Gewebszuckerverlauf als Kurve an.

Das Stechen in den Finger bleibt auch Nutzerinnen und Nutzern von CGM-Systemen nicht erspart: Bei Verdacht auf Unterzucker, anhaltend hohen Zuckerwerten und in einigen Sondersituationen sind herkömmliche Blutzuckermessungen erforderlich. Zudem müssen manche CGM-Systeme täglich mit mindestens 2 Blutzuckermessungen kalibriert werden. Der Wert dient dann als Referenzwert, mit welchem alle weiteren gemessenen Werte verglichen werden.

Quellen:

Hien, P. & Böhm, B. (2010): Diabetes-Handbuch. Eine Anleitung für Praxis und Klinik. 6. Auflage. Springer-Verlag, Heidelberg, ISBN-13 978-3-540-71954-0
Deutsche Diabetes Gesellschaft: S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes. 2. Auflage, 2018
Deutsche Diabetes Gesellschaft & Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Diabetologie: Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter. S3-Leitlinie, 2015
Heinemann, L. et al.: Glukosemessung und -kontrolle bei Patienten mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes. In: Diabetologie, 2018, 13: S97-S119
Langendam, M. et al.: Continuous glucose monitoring systems for type 1 diabetes mellitus. In: The Cochrane database of systematic reviews, 2012, 1: CD008101
Universitätsklinikum Tübingen, Medizinische Klinik IV: Schulungsmaterial der Diabetesambulanz
Stand: 03.11.2019