Dia­be­tes im Al­ter

Wissenschaftliche Unterstützung: Prof. Dr. Michael Hummel

Rund 3 Millionen Menschen über 65 Jahre in Deutschland haben Diabetes. In der Altersgruppe über 80 Jahre ist etwa jede oder jeder 3. betroffen. Ältere Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes benötigen keine grundsätzlich andere Behandlung als jüngere. Allerdings kann es sinnvoll sein, die Therapie an im Alter veränderte Bedürfnisse sowie mögliche Einschränkungen anzupassen.

Ein gut eingestellter Blutzucker bleibt im Alter weiterhin wichtig, um Folgekrankheiten eines dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegels zu vermeiden. Allerdings rückt zunehmend die Lebensqualität in den Vordergrund der Behandlung: Kommt die Patientin oder der Patient mit der Therapie gut zurecht? Oder gibt es körperliche oder geistige Einschränkungen, die die Behandlung erschweren? Ärztin oder Arzt müssen die Therapie immer in Absprache mit der Patientin oder dem Patient auf die individuellen Möglichkeiten und die Lebenssituation zuschneiden.

Gefährliche Unterzuckerungen im Alter

Bei älteren Menschen können Unterzuckerungen besonders gefährliche Folgen nach sich ziehen. Zum einen erhöhen sie das Risiko von Stürzen. Zudem gibt es Hinweise, dass häufige Unterzuckerungen (Hypoglykämien) die Entstehung einer Demenz fördern und sich negativ auf die Gedächtnisleistung und die Motorik auswirken. Außerdem steigt die Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie zum Beispiel einen Herzinfarkt.

Daher liegt im Alter ein Schwerpunkt der Diabetes-Behandlung auf der Vermeidung von Unterzuckerungen. Diese treten im Alter häufiger auf. Das liegt daran, dass bei längerer Diabetes-Dauer die Wahrnehmungsschwelle für niedrige Zuckerwerte sinkt und blutzuckersteigernde Gegenreaktionen des Körpers im Alter später einsetzen.

Gut zu wissen:

Die Vermeidung von Unterzuckerungen ist bei älteren Menschen besonders wichtig.

Im Alter können leicht höhere Blutzucker-Langzeitwerte (HbA1c-Werte) und Nüchternblutzuckerwerte als bei jüngeren Menschen sinnvoll sein, um Unterzuckerungen zu vermeiden. Der Zielwert richtet sich dabei immer nach der individuellen Situation und Verfassung der Patientin oder des Patienten.

  • Bei älteren Menschen mit Diabetes ohne sonstige größere Einschränkungen kann ein vergleichsweise streng eingestellter HbA1c-Wert von 7,0 bis 7,5 Prozent (53,0 bis 58,5 mmol/mol) sinnvoll sein sowie ein Nüchternblutzuckerwert zwischen 100 und 125 mg/dl (5,6 bis 6,9 mmol/l).
  • Bei Pflegebedürftigkeit oder dem gleichzeitigen Vorliegen mehrerer Krankheiten können auch HbA1c-Werte über 8,0 Prozent (63,9 mmol/mol) und ein Nüchternblutzuckerwert bis zu 150 oder 180 mg/dl (8,3 bis 10 mmol/l) ratsam sein, um Unterzuckerungen zu vermeiden.

Um bei Typ-2-Diabetes Unterzuckerungen zu vermeiden, muss unter Umständen das ärztliche Fachpersonal die Behandlung mit oralen Blutzuckersenkern anpassen. Vorzuziehen sind Medikamente und Kombinationen, bei denen das Risiko für Unterzuckerungen möglichst gering ist. Blutzuckersenker aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe gelten deswegen als weniger geeignet. Bei einer Kombi-Therapie mit mehreren Zuckersenkern kommt es außerdem im Alter eher zu Nebenwirkungen.

Als Mittel erster Wahl zur Behandlung von Typ-2-Diabetes wird auch im Alter Metformin betrachtet. Bei einer verminderten Nierenleistung (einer glomerulären Filtrationsleistung von weniger als 30 Milliliter pro Minute) oder in Situationen, in denen eine eingeschränkte Funktion der Nieren zu erwarten ist, sollte Metformin aber abgesetzt werden. Das ist etwa bei Infekten mit Fieber der Fall oder bei einer Operation mit Vollnarkose. Vor chirurgischen Eingriffen und generell bei Krankenhausaufenthalten sollten Menschen mit Diabetes immer das dortige Personal über ihre aktuell einzunehmenden Medikamente informieren.

Der Beginn einer Insulintherapie kann bei Typ-2-Diabetes notwendig werden, wenn Tabletten nicht mehr ausreichen, um den Blutzucker in den Griff zu kriegen. Die Wahl des richtigen Spritzschemas richtet sich hier wieder nach den Wünschen und individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten der Patientin oder des Patienten.

Lesen Sie hier mehr zur Insulintherapie!

Die intensivierte Insulintherapie erlaubt etwa Alltag und Essverhalten weitgehend frei zu gestalten. Sie stellt aber auch höhere Ansprüche an die Eigenverantwortlichkeit der Patientinnen und Patienten: Sie müssen die im Essen enthaltenen Kohlenhydratmengen selbstständig einzuschätzen lernen und die passende Menge an Insulin, verteilt auf langwirkendes und kurzwirkendes Insulin, spritzen. Die konventionelle Insulintherapie ist dagegen einfacher zu handhaben, bietet dafür aber auch weniger Freiheiten. Auch bei Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes, die jahrelang nach der intensivierten Insulintherapie gespritzt haben, kann bei nachlassenden geistigen Fähigkeiten im hohen Alter der Umstieg auf ein einfacheres Schema sinnvoll sein.

Menschen mit Typ-2-Diabetes, die im Alter auf Insulin umsteigen, sollten den richtigen Umgang mit einem Insulinpen unbedingt im Rahmen einer Schulung erlernen. Der von der Deutschen Diabetes Gesellschaft zertifizierte Kurs „Fit bleiben und älter werden mit Diabetes“ richtet sich speziell an ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes, die Insulin spritzen. Fragen Sie Ihre Diabetesberaterin oder Ihren Diabetesberater danach. 

Zudem können Patientinnen und Patienten sich bei der Wahl der für sie passenden Utensilien beraten lassen. So gibt es Insulinpens, die besonders einfach zu bedienen sind und bei denen ein leichter Druck auf den Knopf genügt, um das Insulin abzugeben.

Neben einer guten Blutzuckereinstellung sind auch gute Werte bei Blutdruck und Blutfetten wichtig zur Vermeidung von Folgekrankheiten. Bluthochdruck ist eine häufige Begleiterkrankung im Alter. Laut Robert Koch-Institut ist bei rund zwei Dritteln der über 65-Jährigen in Deutschland der Blutdruck erhöht. Da Bluthochdruck ebenso wie erhöhte Blutzuckerwerte die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen, ist die Senkung von hohen Blutdruckwerten bei älteren Menschen mit Diabetes eine wichtige Vorsorgemaßnahme. Welche Werte dabei sinnvoll sind, hängt wiederum von den Umständen der einzelnen Patientin beziehungsweise des einzelnen Patienten ab.

Ähnliches gilt für zu hohe Blutfettwerte. Vor allem ein erhöhter Anteil an LDL-Cholesterin in den Blutgefäßen lässt das Risiko von Herz-Kreislauf-Schäden ansteigen. Eine gute Einstellung hier, gegebenenfalls mit Medikamenten wie Statinen, ist bei älteren Menschen mit Diabetes ein wichtiges Behandlungsziel. Ohne weitere schwere Risikofaktoren ist ein LDL-Cholesterinspiegel von unter 100 mg/dl (2,5 mmol/l) empfehlenswert. Liegen gleichzeitig Erkrankungen wie ein diabetischer Nierenschaden vor, die das Risiko für Herz und Gefäße erhöhen, ist sogar ein Wert unter 70 mg/dl (1,8 mmol/l) oder eine Senkung des LDL-Cholesterins um mindestens 50 Prozent erstrebenswert.

Eine Tablette gegen den hohen Blutdruck, eine für die Schilddrüse und ein Blutzuckersenker obendrauf: Im Alter leiden viele Menschen an mehreren Krankheiten gleichzeitig, die jeweils mit eigenen Medikamenten behandelt werden. Das führt schnell dazu, dass Patientinnen oder Patienten 6 oder mehr Mittel auf einmal einnehmen müssen. Dieses Phänomen heißt „Multimedikation“. Fachleute sehen es zunehmend kritisch. So steigt unter der Einnahme mehrerer Arzneimittel die Wahrscheinlichkeit von unerwünschten Nebenwirkungen wie Schwindel, Übelkeit oder Benommenheitsgefühlen. Zudem halten Patientinnen und Patienten sich, auch infolge der Nebenwirkungen, eher nicht an die vom ärztlichen Fachpersonal verordnete Therapie. Bei Diabetes kommt hinzu, dass die Gefahr von Unterzuckerungen erhöht ist.

  • Wer vermutet, unerwünschte Begleiterscheinungen aufgrund seines Medikamenten-Mix zu spüren, sollte die Medikamente nicht selbst absetzen, sondern die Ärztin oder den Arzt auf diesen Verdacht ansprechen. Oft gibt es eine besser verträgliche Alternative, oder ein Medikament ist in der Zwischenzeit verzichtbar geworden.
  • Um Multimedikation zu vermeiden, ist es sinnvoll, am besten eine Ärztin oder einen Arzt des Vertrauens zu bestimmen, die oder der den Überblick über alle verschriebenen Arzneimittel behält.
  • Zudem sollte das medizinische Fachpersonal in regelmäßigen Abständen überprüfen, ob tatsächlich noch alle Medikamente notwendig sind.
  • Es hilft zudem, wenn Patientinnen und Patienten sich mit ärztlicher Unterstützung einen Medikationsplan erstellen lassen. In diesem sind alle aktuell einzunehmenden Mittel eingetragen. Diesen Überblick können Sie im Bedarfsfall einer anderen Ärztin oder einem anderen Arzt zeigen, der Ihnen ein neues Medikament verschreiben möchte, sowie bei einem Krankenhausaufenthalt mitnehmen.

Eine gute Diabetes-Einstellung ist bei pflegebedürftigen Menschen oft eine Herausforderung. Der Schwerpunkt liegt meist auf der Vermeidung von Unterzuckerungen und diabetischen Langzeitfolgen wie dem Diabetischen Fußsyndrom.

Übernehmen Pflegekräfte oder pflegende Angehörige Teile der Therapie, ist es wichtig, dass sie entsprechend geschult sind. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft bietet die Weiterqualifizierungen zur „Diabetes-Pflegefachkraft DDG für die Langzeitpflege“ sowie die „Basisqualifikation Diabetes Pflege DDG“ an. Bei einem Umzug in ein Seniorenheim sollten Angehörige sich erkundigen, ob entsprechend geschultes Personal vorhanden ist.

Wichtig ist zudem, dass die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt und die an der Pflege Beteiligten miteinander im Austausch stehen. So können beide Seiten die möglichen Risiken der aktuellen Behandlungsmaßnahmen für die Patientin oder den Patienten besser beurteilen und gegebenenfalls die Therapie anpassen.

Verschiedene kleine Hilfen können den Alltag für ältere Menschen mit Diabetes erleichtern. Diese sind zum Beispiel:

  • Blutzuckermessgerät mit großem Bildschirm oder Sprachfunktion.
  • Messgeräte, die die ermittelten Werte automatisch digital speichern.
  • Einfach bedienbare Insulinpens.
  • Antirutschsocken schützen vor Stürzen. Hüftschutzhosen können helfen, Verletzungen zu vermeiden.
  • Eine Uhr oder Handy-App, die an die Einnahme von Medikamenten oder Insulin erinnert.
  • Medikamenten-Dosierer.

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Quellen:

Neuhauser, H. et al.: 12-Monats-Prävalenz von Bluthochdruck in Deutschland. In: Journal of Health Monitoring,·2017, 2: 57-63
Deutsche Diabetes Gesellschaft: S2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter. 2. Auflage, 2018
Zeyfang, A. et al.: Diabetes mellitus im Alter. In: Diabetologie, 2018,13: S185-S191
Stand: 08.11.2019