Diabetes und Auge

Wissenschaftliche Unterstützung: Gidon Bönhof

Diabetes kann die kleinsten Blutgefäße in den Augen und damit auch die Netzhaut schädigen. Viele Menschen mit Diabetes bemerken die Veränderungen anfänglich nicht. Im Verlauf können sie jedoch zu leichten Sehbeschwerden bis hin zur Erblindung führen.

Augenerkrankungen bedingt durch eine Diabetes-Erkrankung sind vielfältig: Neben Veränderungen der kleinen Gefäße der Netzhaut  (Retinopathie) und des gelben Flecks (Makulopathie) werden auch Entzündungen an Ober- und Unterlid und grauer Star (Linsentrübungen, Katarakt) beobachtet. Der gelbe Fleck, Makula, ist der Netzhautbereich des schärfsten Sehens. Dort befinden sich die Sehsinneszellen für das Farbsehen. Außerdem können Veränderungen des Augeninnendrucks und Beeinträchtigungen aller Nerven, die an der Funktion des Auges beteiligt sind, auftreten. Veränderungen des Augeninnendrucks können zum sogenannten „Grünen Star“ führen.

Was erhöht das Risiko für eine diabetische Augenerkrankung?

Die bekanntesten Risikofaktoren für die Entwicklung einer diabetischen Augenerkrankung bei Menschen mit Diabetes sind:

Die diabetische Augenerkrankung wird von vielen Betroffenen zunächst nicht bemerkt. Daher sollten sich Menschen mit Diabetes alle 2 Jahre auf Netzhautveränderungen untersuchen lassen, wenn keine Risikofaktoren vorliegen. Falls einer oder mehrere Risikofaktoren für die Entwicklung einer diabetischen Augenerkrankung bestehen, sollte eine jährliche Untersuchung erfolgen.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) empfiehlt Menschen mit Typ-1-Diabetes ab dem 11. Lebensjahr oder spätestens 5 Jahre nach der Diagnosestellung und bei Menschen mit Typ-2-Diabetes sofort nach einer Diagnosestellung eine Kontrolle des Augenhintergrundes.

Betroffene bemerken diabetische Netzhautschäden meist erst im fortgeschrittenen Stadium. Anzeichen sind

  • ein verschwommenes,
  • unscharfes Sehen sowie
  • dunkle Flecken oder rote Schleier im Gesichtsfeld.

Durch häufige kleine Blutungen oder Unterversorgung des Gewebes kann die Netzhaut so stark geschädigt werden, dass sie sich von ihrer Unterlage ablöst. Diese Netzhautablösung kann sich, bildlich gesprochen, durch „Lichtblitze” oder „Rußregen” bemerkbar machen. Ist der Teil der Netzhaut betroffen, mit dem man am schärfsten sieht („gelber Fleck”, Makula), nehmen Betroffene einen „dunklen Vorhang” in ihrem Gesichtsfeld wahr. Die Ablösung der Netzhaut und Schädigung des gelben Flecks kann bis zur kompletten Erblindung fortschreiten.

Erhöhte Blutzuckerspiegel führen dazu, dass sich Fett- und Eiweißstoffe in die Wände der kleinen und kleinsten Blutgefäße einlagern und zu einer Wandverdickung führen. Es bilden sich Gefäßausbuchtungen (Mikroaneurysmen). Aus ihnen kann Blut austreten, was für das augenärztliche Fachpersonal an punktförmigen Netzhaut-Einblutungen erkennbar ist. Aufgrund der ausgetretenen Flüssigkeit schwillt die Netzhaut an. Es können sich Ablagerungen von Fetten aus dem Blutplasma bilden, die in der augenärztlichen Untersuchung des Augenhintergrundes als sogenannte „harte Exsudate“ sichtbar werden. In diesem Anfangsstadium werden noch keine neuen Blutgefäße gebildet. Es wird in der Fachsprache als nicht-proliferative Retinopathie bezeichnet.

Im Laufe der Zeit kann sich bei anhaltend verminderter Gefäßdurchblutung die Sauerstoffversorgung der Netzhaut weiter verschlechtern. Zum Ausgleich bilden sich neue Blutgefäße. Bei dieser proliferativen Form der diabetischen Retinopathie platzen mitunter Blutgefäße, die in den Glaskörper eingewachsen sind. Betroffene sehen deshalb plötzlich verschwommen. Bei einem kleinen Teil der Menschen mit Diabetes und nach einer längeren Phase der Diabetes-Erkrankung kann dies bis zur Erblindung führen.

Ärztinnen und Ärzte behandeln Menschen mit einer diabetischen Augenerkrankung durch eine strenge Blutzucker- und Blutdruckeinstellung. Außerdem sollten andere Risikofaktoren wie zum Beispiel Rauchen vermindert werden, um Sehverlust und Erblindung zu vermeiden. Bei einem weiteren Fortschreiten der diabetischen Retinopathie kann eine Laserbehandlung erfolgen, durch die das Gewebe fester miteinander verwächst, um eine Netzhautablösung zu verhindern.

Bei starker Linsentrübung oder Narbenbildung im Glaskörper (Innenraum des Auges) ist die Laserbehandlung der Netzhaut (Laserkoagulation) nicht immer einsetzbar. Sie ist nur bei noch nicht allzu fortgeschrittenen Stadien möglich. Wenn bereits schwere Komplikationen wie Glaskörper-Einblutung oder Netzhautablösungen vorliegen, können die Augen durch die operative Entfernung des Glaskörpers vor der kompletten Erblindung bewahrt werden.

Vor allem bei der Makulopathie werden neuerdings Steroide oder gefäßwachstumshemmende Antikörper (VEGF-Hemmer) in den Glaskörperraum eingespritzt. Sie blockieren Wachstumsfaktoren, die für die Bildung neuer, undichter Blutgefäße verantwortlich sind. In der Folge verhindern diese Medikamente ein weiteres Wachstum der Gefäße. Durch die VEGF-Hemmer-Injektionen konnten in Studien auch schwere Formen der Retinopathie in Rückbildung gebracht werden.

Bei circa ein Viertel der Menschen mit Typ-1-Diabetes tritt irgendwann eine Retinopathie auf. Vor der Pubertät ist eine Retinopathie bei Kindern mit Typ-1-Diabetes selten. Beim Typ-2-Diabetes ist die Häufigkeit mit durchschnittlich 12,5 Prozent ungefähr halb so groß. Bei jeder oder jedem 3. Betroffenen liegen bereits zum Zeitpunkt der Diabetes-Diagnose Veränderungen an der Netzhaut vor. Der weitere Verlauf der Augenerkrankung hängt beim Typ-2-Diabetes vom Management des Blutzuckerspiegels und der Blutdruckwerte ab.

Es gibt 2 Arten der diabetischen Retinopathie: die nicht-proliferative und proliferative Retinopathie. Bei der proliferativen Retinopathie kommt es zu einer unnatürlichen Neubildung von Blutgefäßen.  Leider führen diese Veränderungen immer noch dazu, dass pro Jahr durchschnittlich 1 von 5.000 Menschen mit Diabetes erblindet.

Quellen:

American Diabetes Association: Microvascular Complications and Foot Care: Standards of Medical Care in Diabetes – 2019. In: Diabetes Care, 2019, 42: S124-S138
Bundesärztekammer et al.: Patientenleitlinie zur Nationalen Versorgungsleitlinie Diabetes – Schäden an der Netzhaut: Vorbeugen und behandeln. 2. Auflage. Version 2. 2016
Bundesärztekammer et al.: Nationale Versorgungsleitinie Prävention und Therapie von Netzhautkomplikationen bei Diabetes. Langfassung. Version 2. 2015
Stand: 06.12.2019