Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Diabetes

Wissenschaftliche Unterstützung: PD Dr. Julia Szendrödi

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigsten Folgeerkrankungen, die durch einen Diabetes entstehen. Ursache ist eine sogenannte „Gefäßverkalkung“ der Arterien. Dabei lagern sich an der Innenwand von Blutgefäßen Fette, Cholesterin, Kalk und Bindegewebe an. Fachleute nennen diese Anlagerungen „Plaques“ und die Gefäßerkrankung „Arteriosklerose“. Betroffene nehmen häufig über lange Zeit keine Anzeichen wahr. Mit der Zeit verkalken die Gefäße immer stärker und es kommt zu Durchblutungsstörungen. Im äußersten Fall sind die Gefäße vollständig verschlossen, was beispielsweise in einem Herzinfarkt enden kann.

Je nachdem welches Organ betroffen ist, ergeben sich für die Patientinnen und Patienten ganz unterschiedliche Folgen: Durchblutungsstörungen im Gehirn können zu Schwindel oder gar zu einem Schlaganfall führen, am Herzen kann es zu anfallartigen Schmerzen, einem Herzinfarkt oder einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) kommen. Durchblutungsstörungen in der Hauptschlagader, im Bauchraum oder der Beingefäße haben Schmerzen in den Beinen, die sogenannte „Schaufensterkrankheit“, zur Folge.

Daher ist die regelmäßige Untersuchung der Blutgefäße bei Menschen mit Diabetes wichtig, um durch eine gezielte Behandlung eine Verbesserung der Durchblutung zu erreichen. Neben hohen Blutzuckerwerten sollten besonders ein Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte vermieden werden. Hierdurch können Herzinfarkt, Schlaganfall oder Wunden an den Füßen vorgebeugt und vermieden werden.

Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes sollten innerhalb des 1. Jahres der Diagnose die Blutfettwerte überprüft werden. Ab dem 11. Lebensjahr wird bei ihnen regelmäßig der Blutdruck gemessen. Menschen mit Typ-2-Diabetes sollte eine Ärztin oder ein Arzt mindestens alle 1 bis 2 Jahre untersuchen, um Erkrankungen und Risikofaktoren für Herz und Gefäße abzuklären.

Was er­höht das Ri­si­ko für Herz-Kreis­kauf-Er­kran­kun­gen?

Eine Reihe von Faktoren erhöhen das Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten bei Diabetes. Zum einen schädigen die durch den Diabetes verursachten hohen Blutzuckerwerte die Gefäße. Auch Begleiterkrankungen, wie Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck oder eine Nierenerkrankung erhöhen das Risiko.

Einige junge Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes können auch ein niedriges Risiko haben, wenn ihr HbA1c-Wert unter 7 Prozent (53 mmol/mol) liegt, sie nicht rauchen und nicht an anderen Begleiterkrankungen leiden.

 

Menschen mit Diabetes können einiges tun, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen:

  • Gute Blutzuckerwerte von Beginn der Erkrankung an erhöhen die Chance, dass Sie lange ohne Folgeerkrankungen der Gefäße leben.
  • Achten Sie auf einen normalen Blutdruck.
  • Sorgen Sie für gute Cholesterinwerte.
  • Achten Sie auf ein normales Körpergewicht.
  • Ein gesunder Lebensstil ist entscheidend:
    • Rauchen Sie nicht.
    • Vermeiden Sie möglichst alkoholische Getränke.
    • Ernähren Sie sich ausgewogen. Essen Sie viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte. Vermeiden Sie tierische Fette.
    • Bewegen Sie sich regelmäßig.
    • Schlafen Sie ausreichend.

Gut zu wissen:

Menschen mit einem hohen Herz-Kreislauf-Risiko sollten noch niedrigere Cholesterinwerte einhalten als gesunde Menschen.

Eine Ärztin oder ein Arzt sollte Sie mindestens alle 1 bis 2 Jahre untersuchen, um Erkrankungen und Risikofaktoren für Herz und Gefäße abzuklären.

Bei ersten Anzeichen von Durchblutungsstörungen verordnet die Ärztin oder der Arzt allgemeine Maßnahmen zur Verbesserung der Gefäßgesundheit. Sie oder er versucht, den Blutzucker optimal einzustellen. So sollen Über- und Unterzuckerungen vermieden werden. Bei Menschen mit Diabetes und hohen Blutdruck- oder Blutfettwerten behandelt die Ärztin oder der Arzt auch diese Begleiterkrankungen. Ein gesunder Lebensstil in Verbindung mit einer medikamentösen Therapie ist dabei besonders wichtig. Sowohl bei Menschen mit Typ-2- als auch Typ-1-Diabetes und Übergewicht kann zum Beispiel Metformin helfen.

Abhängig davon, welche Folgen bereits durch die Gefäßverkalkung entstanden sind und welches Organ betroffen ist, startet die Ärztin oder der Arzt weitere Behandlungen. Sie verschreiben bestimmte Medikamente oder veranlassen Operationen.

Im Folgenden werden einige Herz- und Gefäßerkrankungen und deren Behandlung genauer beschrieben.

Die koronare Herzkrankheit und der Herzinfarkt haben unter den verschiedenen Folgeerkrankungen bei Menschen mit Diabetes die größte Bedeutung. Die koronare Herzkrankheit entsteht durch Verkalkung der Herzkranzgefäße. Dies sind Blutgefäße, die wie ein Kranz um das Herz liegen und es mit lebenswichtigem sauerstoffreichem Blut versorgen. Durch die Verkalkungen entstehen Engstellen und Verschlüsse.

Ein typisches Anzeichen ist ein plötzlich auftretender, dumpfer Schmerz in der Brust (Angina pectoris). Manche Menschen spüren auch ein starkes Engegefühl. Wenn der Herzmuskel für längere Zeit nicht ausreichend durchblutet ist, spricht man von einem Herzinfarkt.

Die Ärztin oder der Arzt führt unterschiedliche Untersuchungen durch, um zu klären, wie gut das Herz durchblutet ist. Beispielsweise machen sie ein EKG oder eine Ultraschalluntersuchung, während sich die Patientin oder der Patient bewegt (Belastungs-EKG). Manchmal messen sie auch mittels Kontrastmittel nichtinvasiv im CT oder MRT oder invasiv im Rahmen einer Katheteruntersuchung die Durchblutung des Herzens. Diese Untersuchung nennen Fachleute Herzszintigraphie.

Bei Typ-2-Diabetes und koronarer Herzerkrankung können auch bestimmte Diabetes-Medikamente helfen. Bei Menschen mit Diabetes und Herzkrankheiten sind häufiger Operationen nötig als bei Menschen ohne Diabetes. So kann bei einer Gefäßverengung in einem Herzkranzgefäß ein Stent helfen. Ein Stent ist eine Gefäßstütze aus Metall. Sie wird während einer Herzkatheter-Untersuchung eingesetzt. Bei Verengungen von sehr langen Abschnitten der Herzgefäße führen Ärztinnen und Ärzte eine Bypass-Operation durch.

Die Herzschwäche ist eines der Hauptprobleme bei Menschen mit Typ-1-Diabetes im Alter. Sie macht sich meist durch Atemnot bei körperlicher Anstrengung (Treppensteigen) bemerkbar. Patientinnen und Patienten mit einer Herzschwäche bekommen nachts schlecht Luft und schlafen mit erhöhtem Oberkörper besser. Auch ein unregelmäßiger Puls ist ein typisches Anzeichen. Zudem treten Wassereinlagerungen auf (zum Beispiel in den Beinen), die auch dazu führen, dass Betroffene häufig nachts auf die Toilette müssen.

Eine Herzschwäche entsteht meist in Folge von anderen Erkrankungen, wie beispielsweise einem Herzinfarkt. Menschen mit Diabetes erkranken besonders häufig an einer Herzschwäche. Hohe Blutzuckerwerte können bestimmte Vorgänge im Stoffwechsel des Herzens stören, sodass das Herz nicht ausreichend Energie gewinnen kann.

Bei Verdacht auf eine Herzschwäche macht die Ärztin oder der Arzt zunächst ein EKG. Anschließend führen sie eine spezielle Ultraschalluntersuchung durch, die sogenannte Gewebe-Doppler-Echokardiografie. Ergänzt wird die Untersuchung durch bestimmte Laborwerte.

Neben der Veränderung des Lebensstils und einer guten Blutzuckereinstellung können bestimmte Diabetes-Medikamente bei Herzschwäche helfen, wie beispielsweise SGLT2-Hemmer, GLP-Rezeptor-Agonisten, ACE-Hemmer oder Diuretika. Metformin sollte bei Herzschwäche jedoch nicht mehr eingenommen werden.

Bei der PAVK ist die Durchblutung der Gefäße im Becken sowie in Armen und Beinen gestört. Besonders häufig sind bei einer PAVK die Gefäße in den Beinen verkalkt und somit stark verengt oder verschlossen. Das Blut gelangt nicht mehr in die Füße. Deshalb werden die Füße nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt.

Betroffene leiden bei Belastung unter Schmerzen in den Beinen und müssen beim Gehen immer wieder Pausen einlegen. Deshalb spricht man auch von der „Schaufensterkrankheit“. Durch die schlechte Durchblutung der Füße entsteht bei einigen Betroffenen auch ein diabetisches Fußsyndrom.

Hier erfahren Sie mehr über das diabetische Fußsyndrom!

Gut zu wissen:

Menschen mit Diabetes spüren häufig keine Anzeichen, wenn ihr Schmerzempfinden gestört ist.

Erst wenn bereits 90 Prozent der Gefäße im Bein verengt sind, spüren Betroffene Anzeichen. Deshalb wird eine PAVK bei einem Arzt oder einer Ärztin häufig erst sehr spät festgestellt. Die Diagnose beginnt die Ärztin oder der Arzt mit einem klärenden Gespräch zur Krankengeschichte. Anschließend schaut sie oder er sich die Haut an den Beinen genau an und tastet den Pulsschlag an den Füßen. Bei einer PAVK ist der Puls schwach oder kaum tastbar.

Ein weiterer, wichtiger Teil der Diagnose ist ein Gehtest. Damit wird die Strecke bestimmt, die die Patientin oder der Patient schmerzfrei gehen kann. Mit der sogenannten Ultraschall-Doppler-Methode kann die Ärztin oder der Arzt auf dem Bildschirm das fließende Blut und Verengungen an den Gefäßen sichtbar machen. Anschließend untersuchen sie den Blutfluss mit einem bildgebenden Verfahren, beispielsweise mit einem MRT.

Bei der Behandlung der PAVK sind Veränderung des Lebensstils und ein gutes Blutzuckermanagement eine wichtige Basis. Je nachdem, wie schwer die Durchblutungsstörungen der Beine bereits sind, leitet die Ärztin oder der Arzt weitere Behandlungsschritte ein.

Empfinden Betroffene bei Bewegung Schmerzen in den Beinen, sollten sie das Gehen trainieren. Mehrmals täglich sollten sie eine für sie noch schmerzfreie Distanz zurücklegen. Außerdem können blutverdünnende Medikamente helfen, wie beispielsweise Aspirin. In einigen Fällen verschreibt die Ärztin oder der Arzt auch Medikamente, welche die Gefäße weiten. Auch Operationen können nötig sein. Ärztinnen und Ärzte setzen beispielsweise Stents ein und dehnen so die Gefäße aus. Sind die Gefäße über lange Strecken verengt, ist ein Bypass erforderlich. Bei schweren Verengungen der Gefäße und Wunden durch das diabetische Fußsyndrom ist auch eine Amputation möglich.

Ein Schlaganfall entsteht, wenn Teile des Gehirns nicht mehr ausreichend durchblutet werden. Er kann durch Blutgerinnsel und Verkalkungen in den Blutgefäßen ausgelöst werden.

Hier erfahren Sie mehr über weitere Erkrankungen des Gehirns!

Der Zielwert für den Blutdruck wird in einem ärztlichen Gespräch festgelegt. Je nachdem, welche anderen Risikofaktoren für Herz- und Gefäßerkrankungen vorliegen, sollten Menschen mit Diabetes einen Blutdruck zwischen 130/80 mmHg und 139/90 mmHg erreichen. Ein gesunder Lebensstil ist dabei besonders wichtig. Dazu gehört eine gesunde Ernährung mit wenig Salz, regelmäßige Bewegung, Rauch- oder Alkoholverzicht. Mit einer Gewichtsabnahme kann der Blutdruck oft drastisch gesenkt werden. Bei einem Blutdruck höher als 140/90 mmHg verschreiben Ärztinnen und Ärzte zusätzlich Medikamente, die den Blutdruck senken, wie beispielsweise ACE-Hemmer. Wenn der Blutdruck schwer einstellbar ist, werden andere Erkrankungen, wie zum Beispiel hormonelle Ursachen, abgeklärt.

Gut zu wissen:

Auch ein niedriger Blutdruck unter 120/70 mmHg sollte vermieden werden, da er das Risiko für Folgeerkrankungen wieder erhöht.

Der Blutdruck ist der im Gefäßsystem herrschende Druck, mit dem das Blut durch den Körper gepumpt wird. Der normale Wert für den Blutdruck liegt bei etwa 120/80 mmHg. Ab Werten über 140/90 mmHg sprechen Fachleute von Bluthochdruck oder auch Hypertonie. Ein über eine lange Zeit erhöhter Blutdruck kann zahlreiche Organe schädigen. Bluthochdruck ist ein Hauptrisikofaktor für Herz- und Gefäßerkrankungen. Außerdem kann ein hoher Blutdruck zu Schädigungen der Augen und Nieren führen.

Hier erfahren Sie mehr über Augenerkrankungen durch Diabetes!

Weitere Informationen zu Nierenerkrankungen durch Diabetes finden Sie hier!

Menschen mit Diabetes entwickeln häufiger Bluthochdruck als Menschen ohne Diabetes. Dauerhaft hohe Blutzuckerwerte können Gefäße schädigen und auf Nerven einwirken. Die Gefäße und Nerven können den Blutdruck dann nicht mehr richtig steuern. Zu Beginn einer Typ-2-Diabetes-Erkrankung schüttet die Bauchspeicheldrüse besonders viel Insulin aus. Das Insulin kann ebenfalls den Blutdruck erhöhen. Wie bei allen Menschen sind aber auch bei Menschen mit Diabetes Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel und falsche Ernährung wesentliche Risikofaktoren für Bluthochdruck.

Ärztinnen und Ärzte messen bei jeder Routineuntersuchung den Blutdruck mit einer Manschette und einem Stethoskop. Es gibt auch elektrische Blutdruck-Messgeräte, mit denen Betroffene ihren Blutdruck zu Hause überwachen sollten.

Quellen:

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Bundesärztekammer et al.: Nationale Versorgungsleitlinie Chronische Herzinsuffizienz. Langfassung. 2. Auflage. Version 2. 2017
Bundesärztekammer et al.: Nationale Versorgungsleitlinie Chronische KHK. Langfassung. 5. Auflage. Version 1. 2019
Bundesärztekammer et al.: Nationale Versorgungsleitlinie Therapie des Typ-2-Diabetes. 1. Auflage. Version 4. 2014 (Gültigkeit abgelaufen, in Überarbeitung)
De Boer, I. H. et al.: Diabetes and Hypertension: A Position Statement by the American Diabetes Association. In Diabetes Care, 2017, 40: 1273-1284
Deutsche Diabetes Gesellschaft et al.: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2019. Kirchheim Verlag, Mainz, 2019
Deutsche Gesellschaft für Angiologie - Gesellschaft für Gefäßmedizin: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. 2015
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Stand: 31.10.2019