Parodontitis bei Diabetes

Wissenschaftliche Unterstützung: Prof. Dr. Thomas Beikler

Diabetes mellitus kann sich auch auf die Zahngesundheit auswirken. Die betroffenen Regionen im Mundraum sind das Zahnfleisch, das Parodont, auch bekannt als Zahnhalteapparat, sowie der Kieferknochen. Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko an Zahnfleischentzündungen und einer Parodontitis, früher fälschlicherweise „Parodontose“ genannt, zu erkranken.

Erkrankungen des Zahnhalteapparats können nicht nur den Blutzucker verschlechtern, sondern – speziell bei Menschen mit Typ-1-Diabetes – zu häufigeren Stoffwechselentgleisungen aufgrund von Insulinmangel (Ketoazidose) führen. Auch weitere diabetische Folgeerkrankungen, wie Erkrankungen an Augen, Nieren, Nerven und am Herzen, werden durch eine Parodontitis begünstigt. Im Gegenzug können starke Schwankungen des Blutzuckers das Risiko für eine Parodontitis bei Menschen mit Diabetes erhöhen. Eine gut behandelte Parodontitis kann sich jedoch auch positiv auf die Diabetes-Therapie auswirken und den HbA1c-Wert senken.

Wie ent­steht eine Par­odon­ti­tis?

Bei einer Parodontitis handelt es sich um eine chronische, bakterielle Entzündung des Zahnhalteapparates. Die Krankheit schreitet in der Regel langsam voran und führt dabei allmählich zu Knochenverlust. Die betroffenen Zähne lockern sich. Unbehandelt führt dies zu Zahnverlust. Das Voranschreiten einer Parodontitis erfolgt in der Regel schmerzlos und damit von der Patientin oder vom Patienten unbemerkt. Eine Zahnfleischentzündung ist die Vorstufe einer Parodontitis und kann durch eine entsprechende zahnärztliche Behandlung und eine gute Mundhygiene wieder rückgängig gemacht werden. Unbehandelt kann sich aus einer Zahnfleischentzündung eine Parodontitis entwickeln.

Gut zu wissen:

Zahnfleischentzündungen sind die Vorstufe einer Parodontitis.

Auslöser für die Entstehung einer Zahnfleischentzündung und Entwicklung einer Parodontitis sind bestimmte Bakterien, die auf der Zahnoberfläche haften. Breitet sich die Zahnfleischentzündung auf den Zahnhalteapparat aus, kommt es zu einem Abbau der Kieferknochen und es entstehen Zahnfleischtaschen zwischen Zahnfleisch und Zahn. Zusätzlich können sich Eiter und Fisteln an den betroffenen Stellen bilden. Dadurch verlieren die Zähne ihren Halt und fangen an zu wackeln.

Was sind Anzeichen für eine Parodontitis?

Eine Parodontitis verläuft meist schleichend und ohne Schmerzen, wodurch sie sich zunächst unbemerkt entwickeln kann. Die meisten Menschen bemerken eine Parodontitis nicht bevor sich erste Zähne lockern. Eine vollständige Heilung ist in diesem Stadium nicht mehr möglich. Allerdings lässt sich der Zustand in 85 bis 90 Prozent der Fälle durch eine Therapie und engmaschige Nachsorge stabilisieren.

Bevor sich eine Parodontitis entwickelt, tritt zuerst eine Zahnfleischentzündung auf. Anzeichen für eine Zahnfleischentzündung sind gerötetes und/oder geschwollenes Zahnfleisch sowie blutende Zahnfleischränder. In diesem Stadium sind die Kieferknochen noch nicht betroffen und eine vollständige Heilung ist möglich.

Nicht behandelte Zahnfleischentzündungen können zu einer Parodontitis führen. Die folgenden Anzeichen können auf eine sich entwickelnde oder bereits bestehende Parodontitis hindeuten:

  • Mundgeruch
  • Empfindliche Zahnhälse („Kalt-Heiß-Probleme“ bei der Nahrungsaufnahme)
  • Rückgang des Zahnfleischs
  • Geschwollenes oder gerötetes Zahnfleisch
  • Blutendes Zahnfleisch
  • Eitriger Ausfluss aus den Zahnfleischtaschen
  • Lockere oder wackelnde Zähne
  • „Zahnwanderung“ (Verschiebung der Zähne)

Menschen mit Diabetes haben ein 3-fach erhöhtes Risiko für eine Parodontitis. Etwa 75 Prozent aller Menschen mit Diabetes leiden unter Entzündungen an der Mundschleimhaut. Davon sind ein Drittel von einer schweren Parodontitis betroffen.

Bei einem Typ-1-Diabetes kann eine Parodontitis bereits im frühen Kindes- und Jugendalter auftreten, besonders wenn der Diabetes schlecht eingestellt ist und es häufig zu erhöhten Blutzuckerwerten kommt.

    Gut zu wissen:

    Menschen mit Diabetes haben ein 3-mal so hohes Risiko an einer Parodontitis zu erkranken.

    Eine Reihe von Faktoren können das Risiko für eine Parodontitis bei Diabetes erhöhen. Einen bedeutenden Einflussfaktor stellt der Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c-Wert) dar. In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes und einem HbA1c-Wert über 9 Prozent (über 74,8 mmol/mol) ein höheres Risiko für eine Parodontitis haben als Betroffene mit einem niedrigeren Blutzucker-Langzeitwert.

    Ein langfristig erhöhter Blutzuckerspiegel kann die Blutgefäße schädigen und dadurch auch im Mundraum zu einer verschlechterten Durchblutung führen. Dies kann dazu führen, dass der Zahnhalteapparat anfälliger für Infektionen ist und auftretende Entzündungen schlechter abheilen. Gleichzeitig haben Menschen mit einem schlecht eingestellten Diabetes häufig einen höheren Zuckergehalt im Speichel und eine Mundtrockenheit (Xerostomie). Dadurch können sich Bakterien schneller vermehren und eine Zahnfleischentzündung bis hin zu einer Parodontitis auslösen.

    Weitere Risikofaktoren für eine Parodontitis sind:

    • Mangelnde Mundhygiene
    • Rauchen
    • Stress
    • Übergewicht
    • Genetische Veranlagung

    Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich wirkungsvoll vor einer Parodontitis zu schützen:

    • Versuchen Sie, Ihren Blutzucker von Beginn der Diabetes-Erkrankung an im Normbereich zu halten und starke Blutzuckerschwankungen zu vermeiden.
    • Eine regelmäßige und gründliche Zahnpflege ist das A und O: 2-mal täglich sollten die Zähne geputzt und mindestens 1-mal am Tag die Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder einer Zwischenraumbürste gereinigt werden.
    • Bei der Verwendung von Mundspülung sollten Sie darauf achten, dass diese keinen Alkohol enthält.

    Zusätzlich sollte jedes Jahr mindestens 1 Kontrolluntersuchung bei zahnärztlichem Fachpersonal sowie eine professionelle Zahnreinigung erfolgen. Mit Hilfe des Parodontalen Screening Index (PSI) kann die Zahnärztin oder der Zahnarzt bei den Kontrollen leicht bestimmen, ob eine Parodontitis vorliegt.

    Ein gesunder Lebensstil trägt ebenfalls entscheidend dazu bei, einer Parodontitis vorzubeugen:

    • Rauchen Sie nicht.
    • Vermeiden Sie möglichst alkoholische Getränke.
    • Achten Sie auf ein normales Körpergewicht.

    Die Behandlung einer Parodontitis erfolgt durch die behandelnde Zahnärztin beziehungsweise den behandelnden Zahnarzt oder durch eine Fachkraft für Parodontitis (zahnmedizinische Prophylaxehelferin und -helfer oder Dentalhygienikerin und -hygieniker). Ärztinnen und Ärzte dieser Fachrichtung werden Fachzahnärzte oder Spezialisten für Parodontologie genannt. Zunächst entfernt die Ärztin oder der Arzt den Zahnbelag maschinell mit Schall oder Ultraschall und/oder manuell mit zahnärztlichen Handinstrumenten. Bei sehr schweren Krankheitsverläufen wird zusätzlich ein Antibiotikum gegen die Entzündung verschrieben. Die Zähne, die bereits den Kontakt zum Kieferknochen verloren haben, werden gezogen. Manchmal sind weitere chirurgische Eingriffe notwendig. Im Anschluss an die Ersttherapie sind lebenslang regelmäßige, unter Umständen mehrmals im Jahr stattfindende Nachsorgebehandlungen nötig. Dies deshalb, weil die Patientinnen und Patienten die tiefen Zahnfleischtaschen nicht mit Zahnbürste und Zahnseide erreichen und reinigen können. Hierzu bedarf es professioneller Unterstützung.

    Da eine Parodontitis-Erkrankung Einfluss auf den gesamten Körper und auch auf den Diabetes haben kann, sollte unbedingt die behandelnde Hausärztin oder der behandelnde Hausarzt beziehungsweise die behandelnde Diabetologin oder der behandelnde Diabetologe darüber informiert werden. Nur so kann die Diabetes-Therapie in Bezug auf die Begleiterkrankung optimal angepasst werden. Im Gegenzug sollte auch die Zahnärztin oder der Zahnarzt vor der Behandlung von der Diabetes-Erkrankung in Kenntnis gesetzt werden. Eine erfolgreiche Parodontitistherapie kann neben dem Zahnerhalt auch zu einer Senkung des HbA1c-Wertes führen.

    Quellen:

    Bundeszahnärztekammer et al.: Patienteninformation Parodontalbehandlung. 2017
    Negrato, C. A. et al.: Periodontal disease and diabetes mellitus. In: J Appl Oral Sci, 2013, 21: 1-12
    Preshaw, P. M. et al.: Periodontitis and diabetes: a two-way relationship. In: Diabetologia, 2012, 55: 21-31
    Riedl, M.: Parodontitis und Diabetes – Zwei Volkskrankheiten treffen aufeinander. In: Der Hausarzt, 2013, 18: 53-56
    Simpson T. C. et al.: Treatment of periodontal disease for glycaemic control on people with diabetes mellitus. In: Cochrane Database Syst Rev, 2015, 11: CD004714
    Sonnenschein, S. K. et al.: Parodontitis und Diabetes mellitus – Der Blick über den fachlichen Tellerrand rettet Zähne und Blutzuckerziele. In: Info Diabetologie, 2013, 7: 38-41
    Stand: 31.10.2019