Wie wird Schwangerschaftsdiabetes behandelt?

Wissenschaftliche Unterstützung: PD Dr. Sandra Hummel

Oft reicht eine Veränderung der Lebensgewohnheiten aus, um die Blutzuckerwerte ausreichend zu senken. Meist helfen schon mehr Bewegung und eine Umstellung der Ernährung. Eine Ernährungsberatung kann hierbei hilfreich sein. So wird sichergestellt, dass die Nahrung alles enthält, was Mutter und Kind benötigen. Ausgewogene Ernährung und Bewegung helfen auch dabei, eine übermäßige Gewichtszunahme in der Schwangerschaft zu vermeiden oder Übergewicht abzubauen.

Mit regelmäßigen Blutzuckerkontrollen kann überprüft werden, ob sich die Zuckerwerte normalisieren. Dazu sollten schwangere Frauen lernen, ihren Blutzuckergehalt selbst zu bestimmen. Nur etwa 1 von 4 Patientinnen benötigt eine Behandlung mit Insulin.

Blutzuckersenkende Tabletten sind während der Schwangerschaft nicht offiziell zugelassen. Bei starkem Übergewicht oder bei hohem Insulinbedarf kann der Arzt oder die Ärztin jedoch eine unterstützende Behandlung mit Tabletten (Metformin) vorschlagen (Off-Label-Use): Die schwangere Frau unterschreibt dann eine Einverständniserklärung. Aus bisherigen Untersuchungen gibt es keinen Hinweis auf eine Schädigung der Kinder bei Einnahme der Tabletten in der Schwangerschaft.

Die Behandlung des Schwangerschaftsdiabetes sollte in Absprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt erfolgen. Gegebenenfalls kann auch eine Überweisung an eine Diabetes-Fachärztin (Diabetologin) oder einen Diabetes-Facharzt (Diabetologen) sinnvoll sein, um die weitere Behandlung abzustimmen. So kann sichergestellt werden, dass die Risiken für Mutter und Kind minimiert werden.

Bei den meisten Frauen normalisiert sich der Blutzucker nach der Geburt wieder. Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes haben aber ein erhöhtes Risiko später an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Deshalb ist eine Nachsorge mit Zuckerbelastungstests wichtig.

 

Für eine gute Einstellung des Schwangerschaftsdiabetes sollten folgende Blutzuckerwerte angestrebt werden:

  • Der Blutzucker nüchtern nach dem Aufstehen sollte unter 95 mg/dl (5,3 mmol/l) liegen.
  • 1 Stunde nach Beginn einer Mahlzeit dürfen 140 mg/dl (7,8 mmol/l) nicht überschritten werden.
  • 2 Stunden nach Beginn einer Mahlzeit dürfen 120 mg/dl (6,7 mmol/l) nicht überschritten werden.

Die Behandlungsziele sind jedoch nicht starr als die oben beschriebenen Werte anzusehen. Sie müssen zusätzlich individuell den jeweiligen Gegebenheiten der Schwangerschaft angepasst werden. Erst wenn die genannten Zielwerte trotz Ernährungsumstellung in mehr als der Hälfte der Messungen überschritten werden, ist eine Behandlung mit Insulin notwendig.

Eine gute Einstellung des Zuckerstoffwechsels in der Schwangerschaft setzt regelmäßige Blutzuckerselbstkontrollen voraus. Hilfreich ist, die gemessenen Werte in einem geeigneten Tagebuch zu dokumentieren.

Dafür wird der schwangeren Frau gezeigt, wie sie den Blutzucker selbst messen kann. Mit einer kleinen Stechhilfe gewinnt sie etwas Blut aus der Fingerspitze und bringt es auf einen Teststreifen eines Blutzucker-Messgeräts auf. Das Messgerät zeigt nach kurzer Zeit die Höhe des Blutzuckers an. 

Für 1 bis 2 Wochen nach der Diagnosestellung sollte die Schwangere 4 Messungen durchführen (4-Punkte-Profil):

  • nüchtern vor dem Frühstück und
  • jeweils 1 beziehungsweise 2 Stunden nach Beginn der 3 Hauptmahlzeiten (Frühstück, Mittag- und Abendessen).

So entsteht ein Tagesprofil der Blutzuckerwerte. Sind alle Werte innerhalb der ersten 2 Wochen im Zielbereich, können auch 2 Tagesprofile pro Woche ausreichend sein. Alternativ kann die Anzahl der Messungen auf 1-mal täglich reduziert werden. Empfohlen wird dabei abwechselnd nüchtern und nach den Hauptmahlzeiten zu messen.

Bei Schwangerschaftsdiabetes sollte die werdende Mutter zunächst ihre Ernährung überprüfen. In etwa 85 Prozent der Fälle reicht eine Umstellung der Ernährung aus, um gute Blutzuckerwerte zu erreichen. Dabei hilft am besten eine Fachkraft der Ernährungs- oder Diabetesberatung. Sie passt auf Basis der persönlichen Gewohnheiten den Speiseplan individuell an die Schwangerschaft und die diabetische Stoffwechsellage an.

Die Ernährung bei Schwangerschaftsdiabetes ist keine Diät, sondern eine ausgewogene und vollwertige Kost. Die Empfehlungen folgen den Grundlagen einer gesunden Ernährung in der Schwangerschaft. Wichtig ist, dass Mutter und Kind mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt sind.  

Grundsätzlich sollte ein hoher und schneller Blutzucker-Anstieg nach dem Essen vermieden werden. Dazu sollten Sie unter anderem Folgendes beachten:

  • Verteilen Sie Ihre Mahlzeiten auf je 3 Haupt- und Zwischenmahlzeiten. So können Sie einen über den Tag ausgeglichenen Blutzuckerspiegel erreichen. Da der Blutzucker-Anstieg morgens am größten ist, essen Sie zum Frühstück weniger Kohlenhydrate als zum Mittag- oder Abendessen.
     
  • Verzehren Sie bei hohen Blutzuckerwerten am Morgen zum Frühstück keine zuckerhaltigen Lebensmittel und Getränke. Geeignet sind beispielsweise Vollkornbrot mit Käse oder ein Müsli aus Getreideflocken mit Joghurt oder Quark. Fruchtsäfte, Marmelade oder Honig eignen sich dann nicht.
  • Bevorzugen Sie ballaststoffreiche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse, Salat oder Obst. Diese werden aufgrund ihres hohen Ballaststoffgehaltes langsamer verdaut. So gelangen die enthaltenen Kohlenhydrate verzögert ins Blut. Dagegen bewirken Weißbrot und alle anderen ballaststoffarmen Getreideprodukte einen schnellen Blutzuckeranstieg. Versuchen Sie diese Lebensmittel zu vermeiden.
     
  • Essen Sie reichlich Gemüse und Salat und mäßig Obst. Beschränken Sie den Obstverzehr auf 2 Portionen à 150 g. Sehr süße Obstsorten wie Bananen oder Weintrauben sind eher ungeeignet. 

Gut zu wissen:

Trotz der Ernährungsumstellung muss die ausreichende Ernährung des Ungeborenen sichergestellt sein.

  • Essen Sie wenig zuckerhaltige Lebensmittel. Zucker in Getränken wird sehr schnell aufgenommen und bewirkt so einen raschen und starken Blutzuckeranstieg. Verzichten Sie deshalb auf Limonade, Cola, Eistee oder Fruchtsäfte. Trinken Sie besser ausreichend Wasser oder ungesüßten Tee. Süßwaren wie Schokolade, Gebäck oder Kuchen enthalten außer Zucker auch einen relativ hohen Fettanteil.

Ausgewogene Ernährung und Bewegung – hier hilft schon ein 30-minütiger, flotter Spaziergang – wirken auch einer übermäßigen Gewichtzunahme in der Schwangerschaft entgegen. Es gibt keine einheitliche Angabe, wieviel Gewichtszunahme in der Schwangerschaft normal oder erlaubt ist. Die richtet sich nach dem Körpergewicht der Mutter vor der Schwangerschaft und ist von Frau zu Frau verschieden. Die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt überwacht den Gewichtsverlauf.

Lassen sich die Blutzuckerwerte durch eine Veränderung der Lebensgewohnheiten nicht ausreichend senken, kommt eine Insulin-Behandlung ins Spiel. Etwa 1 von 4 Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes muss sich Insulin spritzen.

Insulin ist ein körpereigenes Hormon, das den Zuckergehalt im Blut senkt. Eine medikamentöse Gabe von Insulin ist für das ungeborene Kind gefahrlos, da es die Gebärmutterschranke nicht überschreitet. Von einem gut eingestellten mütterlichen Blutzucker profitiert auch das Kind. Seine Zuckerbelastung sinkt.  

Für die Behandlung mit Insulin stehen der schwangeren Frau verschiedene Insulinpräparate zur Verfügung. Bei einer intensivierten Insulintherapie spritzt sich die Schwangere 1- bis 2-mal täglich (morgens und/oder abends) ein langwirkendes Insulin zur Abdeckung des Grundbedarfs. Kurzwirkendes Insulin ergänzt den Bedarf rund um die Mahlzeiten.

Auch bei einer Behandlung mit Insulin sollte die werdende Mutter auf ihre Ernährung achten, damit der Insulinbedarf nicht zu hoch wird. Die Insulindosis ist laufend an den wechselnden Bedarf bis zur Geburt anzupassen. Der Frauenarzt oder die Frauenärztin überprüft regelmäßig das Wachstum des Kindes im Mutterleib mittels Ultraschall. Die Behandlung des Schwangerschaftsdiabetes erfolgt bis zur Geburt des Kindes. Anschließend normalisiert sich der Blutzucker der Mutter in den meisten Fällen wieder und eine Gabe von Insulin ist nicht länger notwendig. Für die Mutter ist es jedoch wichtig, den Blutzucker weiter im Blick zu behalten.

Mehr zur Insulintherapie finden Sie hier!

Bei der Mehrzahl der Frauen normalisieren sich die Blutzuckerwerte nach der Schwangerschaft wieder. Dennoch haben Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes nach der Schwangerschaft. Alle Frauen, die nach der Geburt normale Blutzuckerwerte haben, sollten 6 bis 12 Wochen nach der Geburt einen 75-g Glukosetoleranztest durchführen lassen. Bei jährlichen Diabetes-Kontrolluntersuchungen bestimmt der Arzt oder die Ärztin in der Regel die Nüchternblutzuckerwerte und den Blutzucker-Langzeitwert HbA1c. Eine Wiederholung des 75-g Glukosetoleranztest, zum Beispiel alle 2 Jahre, kann ebenfalls sinnvoll sein.

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Quellen:

Deutsche Diabetes Gesellschaft und Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: S3-Leilinie Gestationsdiabetes mellitus (GDM) - Diagnostik, Therapie und Nachsorge, 2. Auflage, 2018
Deutsche Diabetes Gesellschaft und Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: S3-Leilinie Gestationsdiabetes mellitus (GDM) - Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Patientinnenempfehlung, 2. Auflage, 2018
Kleinwechter, H. et al.: Gestationsdiabetes mellitus (GDM) – Diagnostik, Therapie und Nachsorge. In: Diabetologie, 2016, 11: 182-194
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München: Gestationsdiabetes. 2017 (letzter Abruf: 11.10.2019)
Stand: 31.10.2019