Wie entsteht Schwangerschaftsdiabetes?

Wissenschaftliche Unterstützung: PD Dr. Sandra Hummel

Eine Schwangerschaft ist eine Art Stresstest für den Körper der Mutter. Auch der Stoffwechsel ist in dieser Zeit einer sehr hohen Belastung ausgesetzt. Besonders in der 2. Schwangerschaftshälfte kommt es zu einem schnellen Anstieg der Hormone. Die plötzlich freigesetzten Hormone erhöhen den Bedarf an blutzuckersenkendem Insulin. Der mütterliche Stoffwechsel benötigt mehr von diesem Hormon als sonst. Wenn der erhöhte Bedarf an Insulin nicht ausgeglichen werden kann, steigt der Blutzuckerspiegel. Ein Schwangerschaftsdiabetes entsteht.

Was erhöht das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes?

Die Hauptrisikofaktoren für die Entstehung von Schwangerschaftsdiabetes sind Übergewicht beziehungsweise starkes Übergewicht (Fettleibigkeit oder Adipositas) und eine genetische Veranlagung.

Zudem begünstigt eine Reihe weiterer Faktoren das Auftreten von Schwangerschaftsdiabetes:

  • Typ-2-Diabetes bei Eltern und/oder Geschwistern
  • Schwangerschaftsdiabetes während einer früheren Schwangerschaft
  • Alter über 35 Jahre
  • Wiederholte Fehlgeburten
  • Geburtsgewicht früherer Kinder über 4.500 Gramm
  • Einnahme bestimmter Medikamente (Blutdrucksenker, Kortison)
  • Polyzystisches Ovarialsyndrom
  • Rauchen
  • Asiatische Herkunft

Wenn die Schwangerschaft schon begonnen hat, gibt es gewisse Anzeichen, die auf ein erhöhtes Diabetes-Risiko hinweisen können. Dazu zählen ein wiederholter Nachweis von Zucker (Glukose) im Urin oder eine vermehrte Fruchtwassermenge.

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Bei einem Schwangerschaftsdiabetes ist der Zuckerstoffwechsel gestört. Für die Regulierung des Zuckerstoffwechsels ist das körpereigene Hormon Insulin verantwortlich. Während einer Schwangerschaft laufen im Körper viele hormonelle Umstellungen ab. Gerade in der 2. Schwangerschaftshälfte werden vermehrt Hormone ausgeschüttet. Sie sorgen unter anderem dafür, dass größere Energiemengen in Form von Zucker (Traubenzucker oder Glukose) im mütterlichen Körper, genauer im Blut, bereitgestellt werden. So werden die Versorgung und das Wachstum des ungeborenen Kindes gewährleistet.

Um den Zucker aus dem Blut in die Zellen aufnehmen zu können, setzt die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) das Hormon Insulin frei. Es sorgt dafür, dass die Glukose in die Zellen gelangt und die Blutzuckerkonzentration absinkt.

Gleichzeitig wird durch die hormonellen Veränderungen die Wirkung des blutzuckersenken Hormons Insulin herabgesetzt. Man spricht hier auch von physiologischer Insulinresistenz, ein Vorgang, der also immer während einer Schwangerschaft auftritt. Im Normalfall stellt der Körper in der Schwangerschaft trotzdem genügend Insulin her, um den hohen Blutzuckerspiegeln gegenzusteuern: Die Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse erhöht sich während einer normalen Schwangerschaft um das bis zu 4-fache der regulären Produktion. Auf diese Weise versucht die Bauchspeicheldrüse, den veränderten Stoffwechselanforderungen gerecht zu werden.

Reicht die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse nicht mehr aus, um den Mehrbedarf zu decken, kommt es zu einem relativen Insulinmangel. Der Blutzuckerspiegel ist dauerhaft überhöht. Es entsteht ein Schwangerschaftsdiabetes.

Übergewichtige Frauen erkranken wesentlich häufiger an Schwangerschaftsdiabetes als schlanke Frauen. Bereits bei einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 bis 30 kg/m2 ist das Risiko um das 2- bis 6-fache erhöht. Frauen mit noch höherem BMI leiden sogar bis zu 20-mal häufiger an Schwangerschaftsdiabetes als normalgewichtige Frauen.

Übergewicht vor einer Schwangerschaft birgt ein größeres Risiko für Mutter und Kind als eine übermäßige Gewichtszunahme der Mutter während der Schwangerschaft. 

Gut zu wissen:

Frauen sollten bereits bei Kinderwunsch auf ein normales Körpergewicht achten.

Durch die hormonellen Veränderungen in der Schwangerschaft wird die Wirkung des Insulins herabgesetzt. Ähnlich wie beim Typ-2-Diabetes entsteht eine Insulinresistenz. Übergewicht oder starkes Übergewicht (Adipositas) und Bewegungsmangel verstärken eine Insulinresistenz. Wie das passiert, ist noch nicht vollständig geklärt.

Vermutet wird, dass Fettzellen, neben ihrer Funktion als Energiespeicher, auch selbst Stoffe in den Körper abgeben. Diese können die Insulinresistenz der Zellen fördern. Hinzu kommt, dass Bewegungsmangel besonders die Wirkung von Insulin auf die Muskelzellen vermindert. 

Kann die hormonell bedingte Insulinresistenz während der Schwangerschaft nicht ausgeglichen werden, kommt es zu erhöhten Blutzuckerwerten (gestörte Glukosetoleranz). In der Folge entsteht Schwangerschaftsdiabetes.

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Ein Risikofaktor für Schwangerschaftsdiabetes liegt in der Erbanlage. So spielen jene Veränderungen in der Erbanlage (Gene) eine Rolle, welche die Insulinempfindlichkeit herabsetzen. Eine verringerte Insulinempfindlichkeit (Insulinresistenz) ist charakteristisch für Schwangerschaftsdiabetes.

Andere Gen-Veränderungen hindern spezielle Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die sogenannten Betazellen daran, ausreichende Mengen an Insulin zu produzieren. Eine verminderte Insulinempfindlichkeit (Insulinresistenz) in Kombination mit einer eingeschränkten Insulinproduktion, führt zu einem relativen Insulinmangel.

Gut zu wissen:

Gene, Übergewicht und Bewegungsmangel spielen eine wichtige Rolle für die Entstehung von Schwangerschaftsdiabetes.

Eine einzelne Genveränderung muss noch nicht zu einer Erkrankung führen. Summieren sich aber viele dieser Veränderungen, kann dies ein erhöhtes Diabetes-Risiko bedeuten. Insbesondere in Belastungssituationen kann der Stoffwechsel dann entgleisen: Zum Beispiel bei bereits bestehendem Übergewicht vor oder starker Gewichtszunahme während einer Schwangerschaft.

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Quellen:

Deutsche Diabetes Gesellschaft und Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: S3-Leilinie Gestationsdiabetes mellitus (GDM) - Diagnostik, Therapie und Nachsorge, 2. Auflage, 2018
Deutsche Diabetes Gesellschaft und Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: S3-Leilinie Gestationsdiabetes mellitus (GDM) - Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Patientinnenempfehlung, 2. Auflage, 2018
Kleinwechter, H. et al.: Gestationsdiabetes mellitus (GDM) – Diagnostik, Therapie und Nachsorge. In: Diabetologie, 2016, 11: 182-194
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus: Genetik des Gestationsdiabetes
Stand: 31.10.2019