Welche Probleme können bei Diabetes Typ 1 in der Pubertät auftreten?

Wissenschaftliche Unterstützung: Dr. Katharina Warncke

Stetig steigt die Zahl an Kinder und Jugendlichen, die in Deutschland an Typ-1-Diabetes erkranken. Aktuell sind rund 30.000 junge Menschen unter 20 Jahren von Typ-1-Diabetes betroffen. Für die Betroffenen und ihr Umfeld ist es eine große Herausforderung, mit der Krankheit zu leben und aufzuwachsen.

Die häufig schwierige Zeit der Pubertät passt zur Behandlung einer chronischen Erkrankung wie Typ-1-Diabetes überhaupt nicht. Zudem erfordert Diabetes ein hohes Maß an Selbstmanagement, mit Insulinspritzen, Blutzuckermessen oder Kohlenhydratberechnungen. Das ist in dieser Phase von Rückzug, zunehmender Eigenverantwortung und Ablösung von den Eltern eine zusätzliche Herausforderung. Die Erkrankung lässt keine Pause zu. Zusätzlich können die hormonellen Umstellungen massive Blutzuckerschwankungen hervorrufen.

Bei vielen betroffenen Teenagern zeigt sich das in der Stoffwechsellage, die in dieser Zeit sehr stark schwanken kann. Verschiedene Quellen geben den durchschnittlichen Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c-Wert) bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes von etwa 8,4 bis 9,3 Prozent an. Optimal wären 6,5 bis 7 Prozent. Dauerhaft zu hohe Werte oder eine schlechte Einstellung des Blutzuckers gehen auf lange Sicht mit Folgeschäden unter anderem an Augen, Nieren, Nerven und Herz einher. Aus diesem Grund sollten die Blutzuckerschwankungen unbedingt vermieden werden.

Dafür brauchen die jungen Menschen gute Unterstützung durch ihr Diabetes-Team, das sie im besten Fall schon einige Jahre betreut. Es kennt außerdem die Probleme in der Pubertät, die zu einer Stoffwechselentgleisung führen können. 

Jugendliche mit Diabetes sollten auch über die Wirkung von Alkohol Bescheid wissen. Er kann, auch noch einige Stunden nach seinem Verzehr, zu schweren Unterzuckerungen (Hypoglykämie) führen.

Die Geschlechtshormone führen zu einem höheren Insulinbedarf, da sie zu einer Insulinresistenz führen. Bei den Mädchen ist dies das Östrogen, bei den Jungen das Testosteron. Das hat zur Folge, dass in der Pubertät mehr Insulin notwendig ist, um ein gutes Management des Blutzuckers zu erreichen. Erschwerend kommt hinzu, dass beide Hormone in schwankender Konzentration im Körper kreisen. Das führt ebenfalls zu schwankenden Blutzuckerwerten.

Viele Mädchen merken das deutlich, wenn ihre Periode einsetzt. Um die Zyklusmitte herum lässt sich der Blutzucker oft nur mit einer höheren Insulindosis senken. Ab der Blutung sinkt der Insulinbedarf wieder, die Gefahr einer Unterzuckerung steigt.

Ein weiteres wichtiges Hormon, das in der Pubertät vermehrt ausgeschüttet wird, ist das Wachstumshormon. Es ist unter anderem tatsächlich für den Wachstumsschub in dieser Lebensphase verantwortlich. Dieses Hormon sorgt ebenfalls für eine verminderte Insulinwirkung. Die Folge sind wieder Blutzuckerschwankungen.

Normalerweise wird das Wachstumshormon morgens ausgeschüttet und führt zu erhöhten Blutzuckerwerten beim Aufstehen. Dieses Problem nennt man Dawn-Phänomen, das auch bei Erwachsenen auftreten kann. Hier spielen vor allem die Hormone Kortisol, Wachstumshormon und die Geschlechtshormone eine Rolle.

Auch das Wachstumshormon wird nicht regelmäßig in den Blutkreislauf abgeben. Die stärkste Ausschüttung des Wachstumshormons passiert bei Jungen am Ende der Pubertät, bei Mädchen zu Pubertätsbeginn. Hier ist die stärkste Wachstumsphase zu erwarten. Allerdings ist dies individuell sehr unterschiedlich. Die Insulindosis ist in diesen Phasen zur Nacht entsprechend anzupassen.

Gleichzeitig kommt es im Gehirn der Jugendlichen zu Umbauprozessen. So kommt es beispielsweise in bestimmten Hirnarealen, die für das Stresserleben und das emotionale Befinden verantwortlich sind, zu überschießenden Reaktionen. Die Teenager halten weniger Stress aus und erleben binnen Minuten massive Stimmungsschwankungen. Entsprechend schwer kann es dann werden, auf schwankende Blutzuckerwerte gelassen zu reagieren. Es kann dazu kommen, dass die Jugendlichen die Krankheit ablehnen und die Behandlung vernachlässigen.

Der Insulinbedarf steigt durch die genannten hormonellen Umstellungen in der Pubertät an: von etwa 1 Insulin-Einheit/Kilogramm Körpergewicht/Tag auf bis zu 1,5 Insulin-Einheiten/Kilogramm Körpergewicht/Tag. Es ist daher wichtig den Insulingrundbedarf (Basalrate) anzupassen. Das ist die Insulinmenge, die der Körper kontinuierlich den ganzen Tag über benötigt.

Die Einstellung, Anpassung und Überprüfung der Basalrate erfolgt durch die diabetologische Fachkraft. So ist eine auf den individuellen Bedarf angepasste Insulinabgabe möglich. Insbesondere die hohen Blutzuckerwerte in den Morgenstunden können besser abgefangen werden. 

Aufgrund der hormonellen Situation und den damit verbundenen Blutzuckerschwankungen ist es für Jugendliche nicht einfach, einen guten Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c) zu erreichen. Mit Ende der Pubertät beruhigt sich die Stoffwechsellage und der Insulinbedarf verringert sich wieder.

Einige wichtige Tipps für Eltern und Jugendliche:

  • Regelmäßige und engmaschige Vorstellungen bei der behandelnden Diabetologin oder beim behandelnden Diabetologen. Er oder sie kann die Insulindosierung überprüfen und anpassen oder besondere Situationen besprechen.
  • Regeln und Grenzen absprechen, um die zunehmende Selbständigkeit, auch im Umgang mit der Erkrankung, zu unterstützen, aber nicht unkontrolliert zu lassen. Eine zu frühe Übertragung der alleinigen Verantwortung auf die Jugendlichen mit Diabetes ist ungünstig.
  • Schulungsmöglichkeiten durch das Diabetes-Team wahrnehmen. Sie fördern die Selbstmanagement-Fähigkeit der Jugendlichen und ihrer Familien.
  • Selbsthilfegruppen aufsuchen. Sie helfen, selbstbewusster und selbstständiger mit der Erkrankung umzugehen.

Mit dem 18. Geburtstag spielt das Schlagwort Transition eine Rolle. Es beschreibt den Wechsel der Jugendlichen von der kinderärztlichen Diabetes-Betreuung in die Erwachsenen-Diabetologie.

Dieser Wechsel verläuft nicht immer problemlos und oft verlieren die Jugendlichen den Kontakt zur Spezialbehandlung. Dies wiederum kann mit einem Anstieg des Blutzucker-Langzeitwertes (HbA1c) und Akutkomplikationen, wie Unterzuckerungen oder Stoffwechselentgleisungen, einhergehen. Es gibt Programme, die den Schritt in die Erwachsenenbehandlung unterstützen (Berliner TransitionsProgramm e. V., ModuS Transitionsschulung, Between-Kompas).

Wie können Eltern Jugendliche mit Diabetes Typ 1 zur Therapie motivieren?

  • Holen Sie den Freundeskreis Ihres Kindes mit ins Boot. Die Ratschläge von Freundin oder Freund werden eher gehört und ernst genommen.
  • Nutzen Sie die digitale Unterstützung von Smartphones. Smartphone-Apps bieten Jugendlichen beispielsweise Blutzuckermessysteme oder Bolusrechner. Bolus bezeichnet die Insulinmenge, die den Blutzuckeranstieg nach einer Mahlzeit ausgleicht oder akut zu hohe Werte korrigiert.
  • Versuchen Sie, Kontakt zu Gleichaltrigen mit Diabetes zu ermöglichen. Es gibt verschiedene Ferienfreizeiten und Camps für Jugendliche mit Diabetes.
  • Neben Ihrem Diabetes-Team finden Sie und Ihr Kind Unterstützung in Selbsthilfegruppen, Online-Foren oder speziellen Facebook-Gruppen für Eltern von Jugendlichen mit Diabetes.

Da Jugendliche mit 16 Jahren Bier, Wein oder Sekt kaufen dürfen, müssen gerade Teenager mit Diabetes über deren Wirkung Bescheid wissen. Alkohol senkt den Blutzucker und kann zu schweren Unterzuckerungen führen. Er beeinträchtigt die Neubildung von Zucker (Glukoneogenese) in der Leber. Zucker (Glukose) wird in Form von Glykogen in der Leber gespeichert. Diese Reserven werden laufend ins Blut abgegeben und verhindern so, dass der Blutzucker zu tief fällt. Ist die Leber mit dem Abbau von Alkohol beschäftigt, kann sie das Blut nicht mit Zucker versorgen. Die Gefahr der Unterzuckerung droht.

Alkoholische Getränke, wie Bier, lieblicher Wein oder insbesondere Liköre, enthalten zudem Kohlenhydrate. Sie lassen den Blutzucker sehr schnell ansteigen, um später wieder schnell abzufallen. Die Wirkung des Alkohols auf den Blutzuckerspiegel hält lange an, weshalb Unterzuckerungen durch Alkohol häufig erst im Schlaf passieren. Häufigere Messungen in der Nacht sind deswegen unbedingt nötig. Kritisch ist, wenn Jugendliche erstmalig oder heimlich Alkohol ausprobieren und keine nächtliche Blutzuckermessung erfolgt.

Die Glukagonspritze, die sonst im schweren Notfall einer Unterzuckerung zum Einsatz kommt, hilft nicht weiter. Die Spritze kann lediglich die Zuckerfreisetzung aus der Leber mobilisieren. Diese ist durch den Alkoholkonsum allerdings blockiert. Bei einer schweren Unterzuckerung nach Alkoholkonsum ist deswegen in der Regel eine zuckerhaltige Infusion durch den Notarzt erforderlich.

Wie kann Unterzuckerungen durch Alkohol vorgebeugt werden?

Ein strenges Alkoholverbot macht ebenso wenig Sinn wie unbegrenzter Verzehr. Es müssen aber unbedingt ein paar Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, unter anderem:

  • Zu alkoholischen Getränken immer einen kohlenhydratreichen Snack oder eine Mahlzeit essen, nicht auf leeren Magen trinken.
  • Getränke wie Bier oder Wein enthalten Zucker. Sie müssen aber bei der Berechnung der Insulindosis nicht berücksichtigt werden.
  • Besser öfter zwischendurch den Blutzucker messen. Traubenzucker und Messgerät bereithalten.
  • Damit im Ernstfall eine Unterzuckerung nicht als Rausch gedeutet wird, unbedingt einen Diabetes-Ausweis mitnehmen und Freunde einweihen.
  • Alkohol-Exzesse sollten tabu sein, da eine Unterzuckerung nicht richtig bemerkt und im Notfall nicht richtig reagiert werden kann. Sollte die Jugendliche oder der Jugendliche doch einmal zu viel Alkohol getrunken haben, müssen unbedingt die Eltern informiert werden, die nachts den Blutzucker kontrollieren.
  • Der Blutzuckerabfall kann verzögert eintreten. Um eine nächtliche Unterzuckerung zu vermeiden, noch einen Nachtsnack essen. Der Blutzucker sollte vor dem Einschlafen nicht unter 150 mg/dl liegen. 
  • Unbedingt das Angebot einer Beratung oder Schulung durch das Diabetes-Team in Anspruch nehmen, bevor zum 1. Mal Alkohol getrunken wird.

Jugendliche mit Typ-1-Diabetes haben häufiger psychische Erkrankungen wie Depressionen und Essstörungen. Mehr Mädchen als Jungen sind betroffen. Das führt dazu, dass das Diabetes-Management vernachlässigt wird und das Risiko für Folgeerkrankungen steigt.

Niedrige Insulindosierungen nutzen manche Jugendliche bewusst, um Gewicht zu reduzieren. Eine bewusste Unterdosierung von Insulin nennt sich Insulin-Purging. Durch den niedrigen Insulinspiegel bleibt mehr Zucker im Blut, der mit dem Urin über die Nieren ausgeschieden wird. So verringert sich ohne großen Aufwand das Gewicht, das Ziel der Diabetes-Behandlung ist aber weit verfehlt. Der dauerhaft erhöhte Blutzuckerspiegel kann deutlich früher zu Folgeschäden führen.

Ferner steigt die Gefahr einer Ketoazidose, einer gefährlichen Stoffwechselentgleisung durch den Insulinmangel.

Um dies zu verhindern, sollten Eltern, Ärztinnen und Ärzte Hinweise auf depressive Symptome, Angst- oder Essstörungen im Blick behalten. 

Hier erfahren Sie mehr zur Ketoazidose!

Quellen:

Aerzteblatt online: Typ-1-Diabetiker in der Pubertät oft schlecht eingestellt. 2014 (Letzter Abruf: 17.10.2019)
Deutsche Diabetes Gesellschaft et al.: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2019. Kirchheim Verlag, Mainz, 2019
Deutsche Diabetes Gesellschaft et al.: S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter. Langfassung. 2015
Krüger, C.: Mit Diabetes leben und aufwachsen. In: Ernährungs Umschau, 2019, 4: S25-S32
Kulzer, B. et al.: S2-Leitlinie Psychosoziales und Diabetes – Langfassung (Teil 2). In: Diabetologie, 2013, 8: 292-324
Neu, A. et al.: Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter. In: Diabetologie, 2018,13: S131-S143
Stahl-Pehe, A. et al.: Mental Health Problems among Adolescents with Early-Onset and Long-Duration Type 1 Diabetes and Their Association with Quality of Life: A Population-Based Survey. In: PLoS One, 2014, 9: e92473
Stand: 03.11.2019