Wie wirkt sich Sport bei Diabetes Typ 1 aus?

Wissenschaftliche Unterstützung: Prof. Dr. Martin Halle / Dr. Verena Heinicke

Sport ist für viele Menschen mit Typ-1-Diabetes ein wichtiger Teil des Lebens und hat verschiedene gesundheitliche Vorteile. Regelmäßige Bewegung senkt den Blutdruck und den Ruhepuls und beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Für diese haben Menschen mit Diabetes ein erhöhtes Risiko. Sport hilft zudem bei der Gewichtskontrolle oder beim Abnehmen und senkt den Insulinbedarf. Weiter gibt es Studien, die nachweisen, dass Sport die Blutzuckerwerte verbessert. Muskelarbeit führt dazu, dass Zucker eigenständig ohne Hilfe von Insulin in die Zellen aufgenommen wird.

Die körperliche Aktivität birgt jedoch auch Risiken. So kann es während des Sports oder danach zu Stoffwechselentgleisungen kommen. Das Risiko für eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) kann noch Stunden nach der Aktivität und in der Nacht erhöht sein. Wichtig ist es, die körperliche Aktivität vorher zu planen und Insulindosis und Kohlenhydratzufuhr zu berücksichtigen. 

Generell können Personen mit Typ-1-Diabetes fast alle Sportarten ausüben, wenn sie ihre Blutzuckerwerte überwachen. Kinder mit Typ-1-Diabetes sollten am Schulsport teilnehmen, sofern die Lehrkräfte informiert sind und die Kinder während des Sports im Auge behalten. Auch unter den Hochleistungssportlerinnen und -sportlern (Weltmeisterinnen und Weltmeister sowie Olympiateilnehmende) sind immer wieder Menschen mit Typ-1-Diabetes zu finden.

Sportarten wie Tauchen, Fallschirmspringen oder Extremklettern, bei denen infolge einer Unterzuckerung das Risiko von Bewusstseinsstörungen steigt, sind nicht geeignet.

Ein Gesundheits-Check vor Sportbeginn und Informationen von der behandelnden ärztlichen Fachkraft gehören dazu und schließen mögliche Risikofaktoren aus.

Beim Sport verbraucht die Muskulatur Energie in Form von Zucker (Glukose), der mit der Nahrung aufgenommen wird. Zudem kann der Körper Glukose in der Leber in Form von Glykogen speichern oder daraus wieder Zucker herstellen (Glukoneogenese).

Das Hormon Insulin steuert diesen Prozess. Bei niedrigem Blutzucker fährt die Bauchspeicheldrüse die Insulinausschüttung herunter. Glukose gelangt aus der Leber in das Blut. Umgekehrt steigt bei hohem Blutzucker die Insulinausschüttung. Glukose gelangt aus dem Blut in die Zellen und in der Leber wird keine Glukose mehr freigesetzt.

Die Bauchspeicheldrüse passt die Insulinausschüttung dem aktuellen Bedarf an. Bei Typ-1-Diabetes fehlt die körpereigene Insulinausschüttung. Stattdessen erfolgt die Insulinzufuhr von außen. So lässt sich der Insulinbedarf nicht minutengenau anpassen.

Welche Risiken gibt es bei sportlich Aktiven mit Diabetes Typ 1?

Grundsätzlich gibt es 2 Zustände, denen sportlich aktive Menschen mit Typ-1-Diabetes vorbeugen müssen: die Unterzuckerung (Hypoglykämie) und erhöhte Blutzuckerwerte (Hyperglykämie). Beide Stoffwechselentgleisungen – Hypo- und Hyperglykämien – lassen sich in der Regel gut in den Griff bekommen. Sie sollten die Insulindosen und die Kohlenhydratzufuhr vor beziehungsweise nach dem Training gezielt anpassen.

Moderate aerobe Ausdauerbelastungen (zum Beispiel Dauerlauf oder Schwimmen) senken den Blutzuckerspiegel. In der Folge kann es während der sportlichen Aktivität zu einer Unterzuckerung kommen. Wichtig ist, je nach Dauer und Intensität der Bewegung, die Insulindosis im Vorfeld zu reduzieren. Die Kohlenhydratzufuhr sollte vor und während des Sports erhöht werden. Es ist wichtig, den Blutzucker vor und während der sportlichen Aktivität zu überprüfen. Dies gilt besonders für Anfänger. Unterzucker kann auch noch mehrere Stunden nach dem Sport auftreten – zum Beispiel in der Nacht.

Dies ist auf den Muskel-Auffülleffekt nach dem Sport zurückzuführen. Er kann abhängig von der Trainingsintensität noch mehrere Stunden oder sogar Tage danach auftreten. Der Körper versucht, die leeren Glykogenspeicher im Muskel wieder aufzufüllen. Er zieht dafür Glukose aus dem Blut ab, was nächtliche Unterzuckerungen begünstigen kann. Deshalb sollten Menschen mit Typ-1-Diabetes nach dem Sport ihre Blutzuckerwerte kontrollieren.

Belastungen mit hohen, anaeroben Intensitäten (zum Beispiel Sprints oder Krafttraining) führen im Gegensatz zu Belastungen mit moderater und niedriger Intensität zum Anstieg des Blutzuckerspiegels. Auch hier muss man die Werte im Blick behalten.

Wichtig: Bei diesen Belastungsformen kann es danach ebenfalls zu einem Abfall des Blutzuckers kommen. Das sollte im Anschluss überwacht und die Kohlenhydratzufuhr dementsprechend angepasst werden.

Wie profitieren Menschen mit Diabetes Typ 1 von Sport?

Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert den Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c-Wert) bei Menschen mit Typ-1-Diabetes. Insbesondere dann, wenn die Patientin oder der Patient sehr gut gelernt hat, wie er das Insulin und die Nahrung an die vermehrte körperliche Bewegung anpassen kann.

Menschen mit Typ-1-Diabetes, die regelmäßig körperlich aktiv sind, können ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (kardiovaskuläre Folgeerkrankungen) deutlich senken. Darüber hinaus haben sie bessere Blutfettwerte und eine bessere Gewichtskontrolle.

Hier erfahren Sie mehr zu den Themen Unterzucker und Ketoazidose!

  • Führen Sie ein Sporttagebuch, um Erfahrungswerte zu gewinnen. Wie der Körper auf Sport reagiert, ist sehr individuell und hängt von der Sportart ab.
     
  • Machen Sie häufige Blutzuckerkontrollen (vor, während und nach dem Sport) und protokollieren Sie die Messwerte zusammen mit der Insulindosis und den zugeführten Kohlenhydrateinheiten in Ihrem Sporttagebuch.
     
  • Der Blutzuckerwert sollte vor Beginn der körperlichen Aktivität unter 250 mg/dl (13,9 mmol/l) liegen. Empfehlenswert ist ein Blutzuckerwert von 126 bis 180 md/dl (7,0 bis 10,0 mmol/l). Bei Blutzuckerwerten größer 250 mg/dl (13,9 mmol/l) und Ketonnachweis in Blut oder Urin sollten Sie keinen Sport treiben. Es besteht die Gefahr einer Ketoazidose.
  • Liegt der Blutzuckerwert unter 90 mg/dl (5,0 mmol/l) dürfen Sie mit dem Sport nicht starten. Es droht eine Unterzuckerung. Essen Sie Kohlenhydrate und warten Sie etwas ab. Geeignet sind beispielsweise Bananen.
     
  • Beachten Sie, dass der Blutzucker abhängig von der Sportart unterschiedlich reagieren kann. Ausdauersportarten wie Jogging, Radfahren oder Schwimmen senken den Blutzucker. Hier sollten Sie das Basalinsulin (Insulingrundbedarf) vor dem Training reduzieren. Dagegen kann der Blutzucker bei starker, wechselnder Belastung wie bei Kraft- oder Sprintsportarten vorübergehend ansteigen. Da es zu einer verzögerten Unterzuckerung kommen kann, müssen Sie mit der Korrektur über Insulin vorsichtig sein. Behalten Sie den Blutzucker nach dem Sport im Blick. Es kann zu Unterzuckerungen kommen.

Gut zu wissen:

Bei Fragen zum Thema Sport und Diabetes bietet die IDAA, die Internationale Vereinigung diabetischer Sportler, viele Informationen und Ansprechpartner sowie Hinweise auf interessante Veranstaltungen.

  • Unterzuckerungen können auch noch mehrere Stunden nach einer Ausdauerbelastung und intensiven Belastungen auftreten. Um nächtliche Unterzuckerungen zu vermeiden, essen Sie nach dem Ausdauersport gegebenenfalls abends zusätzlich langsam wirkende Kohlenhydrate (Vollkornbrot, Vollkornnudeln oder Hülsenfrüchte).
  • Stress, wie vor sportlichen Wettkämpfen, und die damit verbundene Adrenalinausschüttung kann die Blutzuckerwerte vorrübergehend erhöhen. Versuchen Sie dann mit Insulin gegen zu regulieren, kann es zu einer Unterzuckerung kommen. Messen Sie in solchen Situationen engmaschig den Blutzucker.
     
  • Nehmen Sie zum Sport immer schnellwirksame Kohlenhydrate mit, beispielsweise Traubenzucker, Softdrinks oder Saft. So können Sie bei einer Unterzuckerung sofort reagieren.

Der Muskel verbraucht bei jeder Bewegung Glukose. Damit sinkt der Blutzucker, während die Insulinempfindlichkeit steigt. Somit müssen Menschen mit Diabetes ihre Diabetes-Therapie anpassen, etwa ihre Insulindosis reduzieren. Der Insulinbedarf hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem:

  • Sportart und Dauer der Bewegung: Je höher der Umfang, desto stärker ist der Blutzuckerabfall.
     
  • Art und Dosis der letzten Insulingabe: Je mehr Insulin sich im Körper befindet, desto stärker ist der Blutzuckerabfall.

Gut zu wissen:

Lassen Sie sich, bevor Sie sportlich aktiv werden, von einem erfahrenen Diabetes-Team schulen.

  • Trainingszustand: Untrainierte haben geringere Glykogenspeicher. Dadurch ist die körpereigene Energiezufuhr über Glukose schneller erschöpft.
     
  • Tageszeit: Der Insulinbedarf ist tageszeitabhängig. Häufig ist die Insulinempfindlichkeit morgens am geringstem, der Insulinbedarf also höher.
     
  • Art und Menge der Kohlenhydrate: Langsam wirkende (ballaststoffreiche) Kohlenhydrate halten den Blutzucker länger konstant.
     
  • Blutzuckerwert: Aktueller Ausgangsblutzucker.

In­su­li­nan­pas­sung: Gibt es Ori­en­tie­rungs­hil­fen?

Die Therapieanpassung vor dem Sport kann grundsätzlich über 3 Wege erfolgen:

  • Die zusätzliche Einnahme von Kohlenhydraten (Kohlenhydratstrategie)
  • Über eine Reduktion der Insulindosis (Insulinstrategie) 
  • Oder über die Kombination beider Strategien

Richtwerte, um wie viel die Insulinzufuhr abzusenken ist, sind schwer zu geben. Menschen mit Typ-1-Diabetes sollten ihr geplantes Trainingsprogramm daher unbedingt vorher mit der ärztlichen Fachkraft absprechen. In gezielten Schulungen lernen sie, die individuelle Reaktion ihres Stoffwechsels auf körperliche Belastung einzuschätzen. Als Faustregel gilt: Vor Beginn der körperlichen Belastung unbedingt den Blutzucker messen. Optimal sind Ausgangswerte von 120 bis 180 mg/dl (6,7-10,0 mmol/l) bei geplanter aerober Aktivität (zum Beispiel Laufen oder Schwimmen). Bei geplantem intensivem Training mit anaeroben Belastungen (zum Beispiel Krafttraining oder Sprints) sind etwas niedrigere Blutzuckerausgangswerte von 90-126mg/dl (5,0 bis 7,0 mmol/l) besser.

Gut zu wissen:

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) listet bundesweit vorhandene Sportgruppen: Webseite der Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Sport.

Die Insulinanpassung selbst kann prinzipiell über eine Reduktion der Versorgung mit Basalinsulin (Insulingrundbedarf) und/oder Bolusinsulin (Mahlzeiteninsulin) geschehen. Welcher Weg im Einzelfall der richtige ist, wird auch hier von vielen individuellen Faktoren bestimmt. Im Folgenden finden Sie einige Hinweise, die zur Anpassung der Insulindosis hilfreich sein können:

  • Für die unmittelbare Insulintherapie vor, bei und nach dem Sport gilt: Bei jeder kürzer dauernden Anstrengung (1 Stunde Schwimmen oder 1 Stunde Radfahren) sollten Sie pro 30 Minuten etwa 12 Gramm Kohlenhydrate (1 KE) zusätzlich an langsam wirkenden Kohlenhydraten (Vollkornbrot, Müsli oder Müsliriegel) essen.
     
  • Ab einer Aktivität von etwa 30 Minuten empfiehlt es sich, dass Sie zusätzlich kurzwirkende Kohlenhydrate aufnehmen (Bananen), ab einer Belastungsdauer von 60 Minuten zusätzlich ungefähr 30 bis 60 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde.
     
  • Vor mehrstündigem oder ganztägigem Sport sollten Sie sich bis zu 50 Prozent weniger Basalinsulin verabreichen. Dies ist jedoch individuell sehr unterschiedlich und muss ausgetestet werden in Abhängigkeit der Belastungsintensität und Dauer. Gleichzeitig sollten Sie langsam wirkende Kohlenhydrate nach dem Sport zuführen und kurzwirksame Kohlenhydrate während des Sports zur Verfügung haben.
     
  • Treiben Sie Sport in der Wirkungszeit des Bolusinsulins, sollten Sie dieses je nach geplanter Intensität um 25 bis 75 Prozent reduzieren.
     
  • Planen Sie Sport zum Zeitpunkt des Insulinwirkmaximums, muss die Insulinreduktion oder Kohlenhydrataufnahme stärker ausfallen, als wenn der Sport zu einem Zeitpunkt mit nur noch geringer Insulinwirkung geplant ist.

Wie kann die Diabetes-Technik beim Sport unterstützen?

Insulinpumpen und Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM-Systeme) erleichtern Menschen mit Typ-1-Diabetes die Therapieanpassung beim Sport. Bei einer Insulinpumpe kann die Grund-Insulinzufuhr (basale Insulinzufuhr) für eine gewisse Zeit reduziert werden.

Wer ein CGM-System trägt, hat den Blutzuckerwert beim Sport immer im Blick. Während des Trainings kann sich allerdings eine größere Zeitverzögerung zwischen dem tatsächlichen Blutzuckerwert und dem Gewebezucker ergeben. Es gibt inzwischen auch Systeme, die die aktuellen Zuckerwerte via Smartphone an andere Nutzerinnen oder Nutzer übertragen. So können beispielsweise Eltern die Werte ihrer Kinder beim Sport im Blick haben.

Hier erfahren Sie mehr zur Insulintherapie!

Quellen:

Esefeld, K. et al.: Diabetes, Sport und Bewegung. In: Diabetologie und Stoffwechsel, 2018; 13: S199-S204
Riddell, M.C. et al.: Exercise Management in type 1 diabetes: a consensus statement. In: The Lancet Diabetes & Endocrinology, 2017, 5: 377-390
Tikkanen-Dolenc, H. et al.: Frequent and intensive physical activity reduces risk of cardiovascular events in type 1 diabetes. In: Diabetologia, 2017, 60: 574-580
Bohn, B. et al.: Impact of Physical Activity on Glycemic Control and Prevalence of Cardiovascular Risk Factors in Adults With Type 1 Diabetes: A Cross-sectional Multicenter Study of 18,028 Patients. In: Diabetes Care, 2015; 38: 1536-1543
Internationale Vereinigung diabetischer Sportler: Sport und Diabetes. Anpassung der Diabetes-Therapie an körperliche Belastung und Sport. (Letzter Abruf: 10.12.2019)
Stand: 03.11.2019