Wie entsteht Diabetes Typ 1?

Wissenschaftliche Unterstützung: Prof. Dr. Carolin Daniel

Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung. Diese Diabetes-Form entsteht nicht durch Übergewicht oder eine ungesunde Lebensführung. Bei einer Autoimmunerkrankung greift das körpereigene Immunsystem bestimmte Zellen des eigenen Körpers an. Bei Typ-1-Diabetes betrifft dies spezielle Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die sogenannten Betazellen. Betazellen stellen Insulin her, ein lebensnotwendiges Hormon. Wenn die Immunreaktion nach und nach immer mehr Betazellen zerstört hat, wird immer weniger Insulin ins Blut abgegeben. Schließlich versiegt die Insulinproduktion ganz. 

Sinkt die Insulinmenge unter ein bestimmtes Maß, bricht die Erkrankung Typ-1-Diabetes aus. Insulin spielt eine wichtige Rolle im Zuckerstoffwechsel. Ohne Insulin kann der Zucker aus dem Blut nicht in die Körperzellen aufgenommen werden. Der Blutzuckerspiegel steigt an und es kommt im weiteren Verlauf zu den typischen Anzeichen der Erkrankung, wie beispielsweise starkem Durst, häufigem Wasserlassen und Müdigkeit.

Was erhöht das Risiko für Diabetes Typ 1?

Die genetische Veranlagung für Typ-1-Diabetes kann von den Eltern vererbt werden. Dennoch bekommen Kinder betroffener Eltern nur in wenigen Fällen selbst Typ-1-Diabetes.

Eine genetische Veranlagung bedeutet noch nicht, dass Typ-1-Diabetes in jedem Fall ausbricht. Die Faktoren, die zum Ausbruch der Krankheit führen, sind noch nicht im Einzelnen bekannt. Forscherinnen und Forscher vermuten, dass verschiedene Umweltfaktoren mit dem Ausbruch der Erkrankung in Verbindung stehen können. Sie untersuchen beispielsweise den Einfluss von Infektionen oder der Ernährung im frühen Säuglingsalter.

Bei der Autoimmunerkrankung Typ-1-Diabetes zerstört letztlich eine chronische Entzündung die Betazellen in der Bauchspeicheldrüse. Die insulinproduzierenden Betazellen befinden sich in bestimmten Bereichen der Bauchspeicheldrüse, den sogenannten Langerhans-Inseln. Sie werden daher auch Inselzellen genannt.

Schon Jahre vor dem Ausbruch der Diabetes-Erkrankung sind im Blut Antikörper gegen bestimmte Bestandteile der Betazellen oder gegen Insulin selbst nachweisbar. Antikörper sind Werkzeuge des Immunsystems. Sie markieren körperfremde Stoffe, zum Beispiel Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren, um deren Zerstörung durch die Immunzellen vorzubereiten. Bei einer Autoimmunerkrankung funktioniert die Unterscheidung zwischen Freund und Feind nicht mehr richtig. Dann richten sich sogenannte Auto-Antikörper (griechisch, auto: selbst) gegen die eigenen Zellen und lösen dadurch eine Entzündung aus. Bei Typ-1-Diabetes werden dadurch die Inselzellen zerstört. Die verantwortlichen Antikörper heißen dann Insel-Autoantikörper. In der Folge wird nur noch wenig oder gar kein Insulin mehr von der Bauchspeicheldrüse hergestellt.   

Die Angriffe des Immunsystems gegen Betazellen in der frühen Phase der Entstehung des Typ-1-Diabetes dauern Monate bis Jahre. Anfangs treten keine Beschwerden auf. Auch Ärztinnen oder Ärzte stellen bei Routineuntersuchungen nichts Auffälliges fest. Sie messen in der Regel den Blutzuckerspiegel im nüchternen Zustand. Dieser Nüchternblutzucker steigt erst an, wenn etwa 80 Prozent der Betazellen zerstört sind. Eine Blutzuckeruntersuchung liefert also erst sehr spät einen Hinweis auf eine Schädigung der insulinproduzierenden Insel- oder Betazellen.

Bei der Entstehung von Typ-1-Diabetes unterscheiden Fachleute 3 Krankheitsstadien:

  • Stadium 1: Im Blut lassen sich charakteristische Antikörper nachweisen. Die Personen haben keine Beschwerden oder Auffälligkeiten im Stoffwechsel.
  • Stadium 2: Störungen des Zuckerstoffwechsels treten auf, es kommt jedoch meist noch nicht zu Beschwerden. 
  • Stadium 3: Der Körper produziert zu wenig Insulin. Patientinnen und Patienten zeigen das Krankheitsbild des Typ-1-Diabetes. Sie müssen Insulin spritzen.

Die genetische Veranlagung für die Entwicklung von Typ-1-Diabetes kann vererbt werden. Das Erkrankungsrisiko steigt, wenn ein naher Verwandter Typ-1-Diabetes hat. In der Allgemeinbevölkerung in Deutschland erkranken nur etwa 4 von 1.000 Personen an Typ-1-Diabetes. Ist die eigene Mutter, der eigene Vater, Bruder oder Schwester an Typ-1-Diabetes erkrankt, ist das Risiko ungefähr 15-fach höher. In diesem Fall entwickeln zwischen 30 und 80 von insgesamt 1.000 Kindern Typ-1-Diabetes. Dabei haben Kinder von Vätern mit Typ-1-Diabetes ein doppelt so hohes Risiko, die Autoimmunerkrankung zu entwickeln, wie Kinder von Müttern mit Typ-1-Diabetes.

Haben beide Eltern Typ-1-Diabetes, liegt das Risiko für das Kind bereits bei 25 Prozent: Jedes 4. Kind mit 2 diabetischen Eltern erkrankt ebenfalls an Typ-1-Diabetes.

Früherkennung ist möglich

Mithilfe eines Gentests kann das Risiko, Typ-1-Diabetes zu entwickeln, bereits bei Säuglingen bestimmt werden. Ärztinnen und Ärzte können damit Kinder identifizieren, deren Risiko, bis zum 6. Geburtstag Typ-1-Diabetes zu entwickeln, mehr als 10 Prozent beträgt.

Der Nachweis von Insel-Autoantikörpern im Labor oder der erwähnte Gentest bieten die Möglichkeit, Kinder mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Typ-1-Diabetes bereits im Säuglingsalter zu erkennen. Basierend auf diesen Früherkennungsmöglichkeiten laufen aktuell mehrere klinische Studien. Diese haben zum Ziel, den Ausbruch der Erkrankung bei den oft sehr jungen Risikoträgern zu verhindern.

Erbanlagen spielen bei Typ-1-Diabetes zwar eine große Rolle. Die Veranlagung alleine führt jedoch noch nicht zum Ausbruch der Krankheit. Von 100 Menschen mit erhöhtem genetischem Risiko erkranken nur 10 Personen. Und nur 10 von 100 neu erkrankten Personen haben Angehörige mit Typ-1-Diabetes. Daher scheinen neben den Genen auch Umweltfaktoren bei der Krankheitsentstehung wichtig zu sein. 

Um welche Umwelteinflüsse es sich genau handelt, ist noch nicht im Einzelnen bekannt. Es gibt jedoch einige Faktoren, die im Verdacht stehen, das Erkrankungsrisiko für Typ-1-Diabetes zu erhöhen.

  • Dazu gehören zum Beispiel frühe Infektionen mit Coxsackie-Viren, die bei Kindern Atemwegserkrankungen auslösen können.
  • Auch das Zufüttern glutenhaltiger Lebensmittel bei Säuglingen vor Beendigung des 3. Lebensmonats scheint das Typ-1-Diabetes-Risiko zu erhöhen. Gluten ist ein bestimmtes Getreideeiweiß, das in Backwaren oder Lebensmitteln aus Weizen, Dinkel, Hafer, Roggen, Gerste und weiteren Getreidesorten enthalten ist.
  • Darüber hinaus scheint eine Geburt per Kaiserschnitt bei Kindern mit genetischer Vorbelastung das Risiko zu erhöhen, tatsächlich Typ-1-Diabetes zu entwickeln.

Entgegen früherer Annahmen erhöht jedoch die frühe Gabe von Kuhmilcheiweiß das Diabetes-Risiko nach heutigem Kenntnisstand nicht. Nach bisheriger Studienlage spielt auch die Dauer des Stillens von Säuglingen keine Rolle für die Entstehung von Typ-1-Diabetes.

Verschiedene Studien untersuchen die Einflüsse von Umweltfaktoren auf die Entstehung von Typ-1-Diabetes.

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Quellen:

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Stand: 31.10.2019