Dia­be­tes Typ 2: Psy­che und Mo­ti­va­ti­on

Wissenschaftliche Unterstützung: Prof. Dr. Bernhard Kulzer

Die Diagnose Typ-2-Diabetes bedeutet für Patientinnen und Patienten einen Einschnitt im Leben. Bei Typ-2-Diabetes sprechen die Körperzellen fortwährend schlechter auf Insulin an. Im weiteren Verlauf der Erkrankung kann es auch zu einem Insulinmangel kommen. In der Folge kommt es zu erhöhten Blutzuckerwerten. Die Behandlung des Typ-2-Diabetes erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Menschen mit Typ-2-Diabetes müssen meist ihre Ernährung umstellen, sich mehr bewegen, Medikamente einnehmen oder gegebenenfalls Insulin spritzen.

Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes müssen sich mit ihrer Erkrankung auseinandersetzen und mit vielen Belastungen zurechtkommen. Die Aussicht auf mögliche akute Komplikationen oder Diabetes-Folgeerkrankungen kann zu Unsicherheiten und Ängsten führen. Das wiederum kann die Diabetes-Therapie deutlich beeinträchtigen.

Nicht wenige Menschen mit Diabetes fühlen sich von der Krankheit überfordert und von ihrem Umfeld im Stich gelassen. Die Folgen sind seelische Belastungen bis hin zu psychischen Problemen, die unbehandelt schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen können.

Für Menschen mit Typ-2-Diabetes gibt es mehrere Möglichkeiten, um mit den Belastungen der Krankheit besser zurechtzukommen. Grundlegend ist es, sich mit Diabetes gut auszukennen. So fühlt man sich im Therapiealltag sicherer und hat seine Blutzuckerwerte meist besser unter Kontrolle. Das Gefühl, selbst etwas gegen die Erkrankung bewirken zu können, ist wichtig für die Motivation, die Diabetes-Behandlung gewissenhaft durchzuführen. Typ-2-Diabetes lässt sich durch gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung oftmals gut in den Griff bekommen. Die Insulinresistenz bessert sich und die Erkrankung schreitet langsamer voran.

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Ängste oder seelische Probleme sind nicht bei allen Menschen mit Diabetes und nicht mit gleichbleibender Intensität vorhanden. Manchmal wird die Erkrankung aber zur dauerhaften psychischen Belastung. Gerade dann, wenn die Behandlung trotz aller Bemühungen nicht den gewünschten Erfolg bringt oder die Angst vor Folgeerkrankungen ständiger Begleiter ist. Auch die Medikamenteneinnahme erschwert vielen ein normales Leben.

Menschen mit Typ-2-Diabetes sind zudem häufig unglücklich über ihr Gewicht und ihre Vorgaben zur Ernährungsumstellung. Nicht alle schaffen es, in punkto Ernährung immer diszipliniert zu bleiben und wollen sich auch mal etwas gönnen. Oft setzen sie sich selbst einem zu großen psychischen Druck aus, besser auf die Ernährung zu achten und sich ausreichend zu bewegen.

Gut zu wissen:

Etwa jede 4. Patientin oder jeder 4. Patient mit Typ-2-Diabetes in Deutschland gab in einer internationalen Studie an, aufgrund der Erkrankung stark belastet zu sein.

Probleme können aber auch im sozialen Umfeld begründet sein: Die Patientin oder der Patient will sich nur ungern als Mensch mit Diabetes zu erkennen geben und hat dadurch wenig Gelegenheit, sich mit anderen auszutauschen. Zusätzlich fühlen sich viele Menschen mit Diabetes diskriminiert und erleben eine gewisse Intoleranz gegenüber ihrer Erkrankung.

Zwar treten bei Menschen mit Typ-2-Diabetes seltener als bei Typ-1-Diabetes Unterzuckerungen (Hypoglykämien) auf, aber auch für sie stellt die Angst davor eine starke Belastung dar. Bei einer Unterzuckerung ist der Blutzuckerspiegel stark erniedrigt. Dadurch kann es zu Konzentrations- und Sehstörungen, Schwindel, bis hin zur Bewusstlosigkeit kommen. Meist ist die Unterzuckerung eine Nebenwirkung der Behandlung mit blutzuckersenkenden Medikamenten.

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Wie kön­nen Pro­ble­me in der Part­ner­schaft ver­mie­den wer­den?

Wenn ein Angehöriger oder eine Angehörige an Diabetes erkrankt ist, betrifft das neben Familie, Freundinnen und Freunden, insbesondere auch den Partner oder die Partnerin. Inzwischen gibt es einen eigenen Begriff dafür, der immer häufiger zu hören ist: Eine Person mit „Diabetes Typ F“ (für Familie, Freunde, Freundinnen) ist ein Freund, eine Freundin, ein familiärer Angehöriger oder eine Angehörige eines an Diabetes erkrankten Menschen.

Die Erkrankung Diabetes kann das emotionale Gefüge in der Partnerschaft erst einmal durcheinanderbringen. Angehörige wissen oft nicht, wie sie am besten helfen oder unterstützen können. Daraus können Probleme entstehen. Oft stimmt auch die Kommunikation nicht, da die Beteiligten nicht so recht wissen, wie sie ihre Gefühle in Worte fassen sollen. Darüber hinaus wünscht sich die Partnerin oder der Partner, dass man den Diabetes gut im Griff hat und ohne Folgeerkrankungen alt wird. Vor allem das Thema Gewichtsabnahme kann Angehörige und die an Diabetes erkrankte Person gleichermaßen belasten.

Wenn sich die Partnerin oder der Partner zu sehr einmischen und jeden Wert kontrollieren wollen, kann es sinnvoll sein, das Gespräch zu suchen. Es ist dann wichtig, offen anzusprechen, welche Art der Unterstützung hilfreich ist und welche Bemerkungen eher störend sind.

„DiaLife – zusammen Leben mit Diabetes“ heißt das erste Schulungsprogramm, welches Diabetesberater und -beraterinnen für Angehörige von erwachsenen Menschen mit Diabetes anbieten. Dabei steht eine eigene Version für Angehörige von Menschen mit Typ-2-Diabetes zur Verfügung. Fragen Sie das Diabetesteam Ihres Angehörigen danach. 

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Gut zu wissen:

Wer sich depressiv fühlt, kann zunächst einen Kurztest der WHO machen. Bei Bedarf helfen psychologische oder psychotherapeutische Fachleute weiter.

Diabetes Typ 2: Wie können Sie mit Ängsten umgehen?

Wer unter Ängsten leidet oder den Eindruck hat, dass sie bei der Diabetes-Therapie im Alltag stören, kann sich zunächst an sein Diabetes-Team wenden. Zusammen mit den Diabetes-Fachleuten kann ein individueller Therapieplan ausgearbeitet werden.

Oft helfen auch Diabetes-Schulungen. In einer sogenannten Coping-Schulung lässt sich lernen, wie man Belastungen aufgrund der Therapie abbaut und die Erkrankung besser in sein Leben integriert. In diesen Schulungen sollen Menschen mit Diabetes auch die Erfahrung machen, dass sie mit ihrem Verhalten den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können.

Mitunter kann aber auch die Hilfe von spezialisierten Psychologinnen und Psychologen oder Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten nötig werden. Oft ist nicht erkennbar, wer sich dabei auch mit Diabetes auskennt. Hier empfiehlt es sich, direkt nachzufragen oder sich unter www.diabetes-psychologie.de zu informieren. Mittlerweile gibt es Weiterbildungen zum „Fachpsychologen Diabetes“, zur „Fachpsychologin Diabetes“ oder „Psychodiabetologin“ und zum „Psychodiabetologen“.

Eine große Hilfe können natürlich auch Partner oder Partnerinnen, Freunde oder Freundinnen sein, mit denen Menschen mit Diabetes über ihre Ängste und Probleme sprechen können.

Hier lesen Sie mehr zum Thema Diabetes-Schulung!

Es ist oftmals harte Arbeit, sich in der Diabetes-Therapie dauerhaft zu motivieren. Schwierigkeiten mit der Akzeptanz der Krankheit, emotionale Probleme bei der Selbstbehandlung und fehlendes Verständnis und Unterstützung im sozialen Umfeld können zu einer Motivationskrise führen. Dies wiederum kann eine schlechtere Stoffwechseleinstellung nach sich ziehen.

Sollte ein Motivationstief länger andauern, sollten Sie den Ursachen auf den Grund gehen. Überlegen Sie, wie Sie wieder Energie und Motivation tanken können. Stellen Sie sich die Frage, was Sie persönlich motiviert, sich um Ihre Erkrankung zu kümmern.

Tipps für mehr Mo­ti­va­ti­on zur Dia­be­tes-The­ra­pie im All­tag, un­ter an­de­rem:

  • Suchen Sie sich eine Ärztin oder einen Arzt Ihres Vertrauens. Es gibt nicht nur einen Weg, mit der Erkrankung umzugehen und es braucht eine gute Unterstützung.
     
  • Vereinbaren Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt kurzfristig erreichbare Behandlungsziele. So erleben Sie schnelle Erfolgserlebnisse, die zum Weitermachen motivieren. Im Gesundheits-Pass Diabetes der Deutschen Diabetes Gesellschaft gibt es die Möglichkeit, konkrete Ziele zu vereinbaren.
  • Nehmen Sie die zur Verfügung stehenden Untersuchungstermine regelmäßig wahr (zum Beispiel Untersuchung des Blutzucker-Langzeitwertes, Augenuntersuchung, Kontrolle der Füße). So wissen Sie immer, wo Sie gerade stehen und ob Ihr Weg noch der richtige ist.
     
  • Nutzen Sie die Möglichkeiten der Blutzuckerselbstkontrolle. Um ein Gespür dafür zu bekommen, wie Blutzuckerwerte auf Bewegung und bestimmte Lebensmittel reagieren, hilft es, anfangs häufiger den Blutzucker zu kontrollieren. Auch bereits eine geringfügige Gewichtsabnahme kann zu besseren Werten führen. Auch neue Formen der kontinuierlichen Glukosemessung können hilfreich sein.
     
  • Tauschen Sie sich mit Gleichgesinnten aus. So erfahren Sie Ermutigung und Bestätigung durch andere. Schließen Sie sich einer Selbsthilfegruppe an oder nutzen Sie die verschiedenen Möglichkeiten im Internet. Hier gibt es zahlreiche Foren, Blogs oder Social-Media-Kanäle, die sich mit der Erkrankung beschäftigen.

Gut zu wissen:

Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Stressbewältigung. Das können regelmäßige Bewegung oder spezielle Verfahren wie Autogenes Training sein. Auch Volkshochschulen und Krankenkassen bieten Kurse an.

  • Besprechen Sie mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt die Einschreibung in ein Disease-Management -Programm (DMP) für Typ-2-Diabetes. Das ist ein strukturiertes Behandlungsprogramm für chronische Krankheiten. So werden Sie auf anstehende Behandlungstermine oder versäumte Schulungen hingewiesen und bleiben leichter am Ball.
     
  • Setzen Sie sich realistische, erreichbare Ziele. Statt: „Ich möchte abnehmen“, formulieren Sie beispielsweise konkret: „ Ich möchte in 6 Monaten 5 Kilo abnehmen“. Denken Sie im Voraus an mögliche Stolpersteine und wie Sie diese umgehen können. Setzen Sie sich kleine Zwischenetappen. Nehmen Sie beispielsweise einen Monat nur die Treppe statt den Aufzug. Belohnen Sie sich, wenn Sie ein Ziel erreicht haben. Gegebenenfalls können Sie sich auch von Ihrer behandelnden ärztlichen Fachkraft beraten lassen. Auch eine Ernährungsberatung, beispielsweise im Rahmen einer Diabetes-Schulung, vermittelt das nötige Alltagswissen.

Gut zu wissen:

Nehmen Sie immer wieder an Schulungen teil. Sie führen zu einem positiven Umgang mit dem Diabetes.

  • Ziele, zum Beispiel regelmäßige Bewegung, lassen sich mit einer Trainingspartnerin oder einem Trainingspartner leichter erreichen. Zu zweit oder in der Gruppe können Sie sich gegenseitig unterstützen. Auch Absagen wird dadurch schwerer. Bleiben Sie auch hier realistisch. Zu Beginn stehen die Freude an der Bewegung und die Regelmäßigkeit, auch wenn dieses nur 5 Minuten am Tag sind, im Vordergrund.
     
  • Versuchen Sie sich, die positiven Effekte von regelmäßiger Bewegung klar zu machen: Wenn Sie Sport treiben, sinkt Ihr Blutzuckerspiegel und die Insulinempfindlichkeit steigt. Außerdem wird sich Ihr Körper verändern. Wahrscheinlich nehmen Sie ab und fühlen sich insgesamt wohler.
  • Nutzen Sie ein Blutzuckertagebuch. Für eine erfolgreiche Diabetes-Therapie ist es wichtig, seine Blutzuckerwerte zu kennen. Neben Blutzuckertagebüchern in gedruckter Form, gibt es die Möglichkeit auf PC, Smartphone oder Tablet ein Online-Tagebuch zu führen. Einige Angebote beinhalten auch die Möglichkeit, die Werte der Ärztin oder dem Arzt direkt zukommen zu lassen, was die Zusammenarbeit und den Informationsaustausch erleichtert.
  • Nutzen Sie die Macht der Gewohnheit und entwickeln Sie Routinen: Sie sparen viel Lebensenergie, wenn Sie für sich einen persönlichen Rhythmus entwickeln, wann Sie beispielsweise Tabletten einnehmen.
     
  • Akzeptieren Sie Rückschläge. Gehen Sie in kleinen, realistischen Schritten vor und überlegen Sie zum Beispiel, wo Sie ihre Ernährung noch optimieren oder mehr Bewegung in den Alltag einbauen können.
     
  • Wenn Sie gerade kürzlich die Diagnose Diabetes erhalten haben, können Sie sich durch einen Diabetes-Lotsen unterstützen lassen. Diabetes-Lotsen sind meist selbst von der Krankheit betroffen und helfen anderen, sich auf dem weiten Feld ihrer Krankheit zurechtzufinden.

Gut zu wissen:

Sie können sich auch einer speziellen Diabetes-Sportgruppe unter fachlicher Anleitung anschließen. Es handelt sich um qualifizierte Rehabilitationssportangebote, die von der ärztlichen Fachkraft verordnet werden.

  • Bitten Sie Familie, Freunde und Freundinnen um Unterstützung. Sie können Sie emotional und tatkräftig unterstützen. Beispielsweise können Sie sich gemeinsam gesünder ernähren oder mehr bewegen.

Hier finden Sie Tipps zur Ernährung bei Typ-2-Diabetes!

Quellen:

Deutsche Diabetes Gesellschaft et al.: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2019. Kirchheim Verlag, Mainz, 2019
Diabetes und Psychologie e. V.: Lebensqualität und Diabetes. (Letzter Abruf: 17.10.2019)
Gesellschaft für Rehabilitation bei Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (Hrsg.) (2011): Diabetes-Lesebuch. Wissenswertes für den Alltag mit Diabetes. Pabst Science Publishers, Lengerich, ISBN: 9783899676952
Kulzer, B. et al.: Wie belastend erleben Angehörige den Diabetes? Deutsche Stichprobe der internationalen DAWN2™-Studie. In: Diabetologe, 2017, 13: 570-580
Kulzer, B. et al.: Diabetesbezogene Belastungen, Wohlbefinden und Einstellung von Menschen mit Diabetes: Deutsche Ergebnisse der DAWN2™-Studie. In: Diabetologe, 2015, 11: 211-218
Kulzer, B. et al.: S2-Leitlinie Psychosoziales und Diabetes – Langfassung (Teil 1). In: Diabetologie, 2013, 8: 198-242
Kulzer, B. et al.: S2-Leitlinie Psychosoziales und Diabetes – Langfassung (Teil 2). In: Diabetologie, 2013, 8: 292-324
Landgraf, R. et al.: Therapie des Typ-2-Diabetes. In: Diabetologie, 2018, 13: S144-S165
Stand: 03.11.2019