Metabolisches Syndrom

Wissenschaftliche Unterstützung: Prof. Dr. Christian Herder, Oana Patricia Zaharia

Das metabolische Syndrom wird von Fachleuten auch als Insulinresistenz-Syndrom oder als metabolisch-vaskuläres Syndrom bezeichnet. Der Begriff „metabolisches Syndrom“ steht für das gleichzeitige Auftreten mehrerer stoffwechselrelevanter Faktoren, die Gefäßleiden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Typ-2-Diabetes hervorrufen können. Etwa die Hälfte der Patientinnen und Patienten mit der Diagnose „metabolisches Syndrom“ erkranken in ihrem späteren Leben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa 3 Viertel von ihnen an Typ-2-Diabetes. Bei ihrer Entstehung spielen eine genetische Veranlagung, ein gesundheitsgefährdender Lebensstil und Ernährungsgewohnheiten sowie krankmachende psychosoziale Bedingungen eine entscheidende Rolle.

Wie entsteht ein metabolisches Syndrom?

Das metabolische Syndrom beschreibt das gemeinsame Auftreten mehrerer Symptome beziehungsweise Krankheitsbilder: Übergewicht insbesondere im Bauchraum, erhöhte Nüchternblutzucker- und Blutfettwerte sowie Bluthochdruck.

Dieses „tödliche Quartett“, wie das metabolische Syndrom umgangssprachlich oftmals auch genannt wird, erhöht das Risiko für Gefäßverkalkungen und andere Gefäßleiden, Typ-2-Diabetes, Herzerkrankungen und eine Fettleber.

Die Bedeutung des metabolischen Syndroms wurde in den letzten Jahren genauer untersucht. Es gilt als ein entscheidender Risikofaktor für die Gesundheit der Menschen in der westlichen Welt. Welche Symptome in welcher Gewichtung ein metabolisches Syndrom ausmachen, wird derzeit kontrovers diskutiert.

Die relevanten Stoffwechselparameter sind:

  • Erhöhter Blutdruck
  • Veränderte Blutfettwerte (erhöhte Triglyzeridwerte, zu niedrige HDL-Cholesterinwerte)
  • Bauchbetontes Übergewicht
  • Ein erhöhter Nüchternblutzucker oder eine schon bestehende Diabetes-Erkrankung
  • Eine Fettleber

Jede dieser Größen ist für sich allein gesehen bereits ein Risikofaktor für Gefäß- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei gemeinsamem Auftreten der Faktoren addiert sich das Risiko.

Das metabolische Syndrom wird mitunter auch als Insulinresistenz-Syndrom bezeichnet. Denn die Insulinresistenz ist nach derzeitigem Forschungsstand der zentrale Faktor für die einzelnen Symptome wie auch die Folgeerkrankungen des metabolischen Syndroms. Als Vorläufer von Typ-2-Diabetes ist die Insulinresistenz – neben einer gestörten Insulinausschüttung und einer vermehrten Zuckerfreisetzung in der Leber – der Motor, der die Erkrankung immer weiter vorantreibt. Die Insulinresistenz kann in selteneren Fällen angeboren oder häufig erworben sein.

Übergewicht, Bewegungsmangel und weitere Faktoren stören die Wirkung des Insulins. Bei einer Insulinresistenz ist die Empfindlichkeit der Körperzellen gegenüber Insulin eingeschränkt. Das heißt, insbesondere Muskel-, Leber- und Fettzellen nehmen weniger Zucker aus dem Blut auf. Zum Ausgleich schüttet die Bauchspeicheldrüse vermehrt Insulin aus. Dies kann in der Regel bereits durch einen erhöhten Nüchternblutzuckerwert nachgewiesen werden. Eine sogenannte primäre Insulinresistenz (siehe auch Schwangerschaftsdiabetes) kann auch angeboren sein. 

Gut zu wissen:

Die Insulinresistenz ist der zentrale Faktor für die einzelnen Symptome und Folgeerkrankungen des metabolischen Syndroms.

Maßnahmen zur Prävention des metabolischen Syndroms zielen in die gleiche Richtung wie die therapeutischen Maßnahmen. Mit körperlicher Aktivität und einer ausgewogenen Ernährung lässt sich Übergewicht vorbeugen und damit dem Hauptrisikofaktor des metabolischen Syndroms wirksam entgegenwirken.

Das metabolische Syndrom entwickelt sich auf Grundlage genetischer Veranlagung, gesundheitsgefährdenden Lebensstils und Ernährungsgewohnheiten sowie krankmachenden psychosozialen Bedingungen.

Sowohl für Übergewicht als auch für Fettstoffwechselstörungen gibt es eine genetische Veranlagung. So existieren Gene, die das Gewicht eines Menschen zusätzlich zu vorliegender ungesunder Lebensführung beeinflussen können, indem sie das Sättigungsgefühl steuern. Auch bei Bluthochdruck können Gene eine Rolle spielen.

Insgesamt begünstigen eine ganze Reihe von Faktoren das Entstehen eines metabolischen Syndroms:

  • Bewegungsmangel
  • Erhöhter Alkohol- und Kochsalzkonsum
  • Ein hoher Verzehr von energie- und fettreichen Lebensmitteln
  • Stress über längere Zeit
  • Schlafstörung und -mangel
  • Rauchen
  • Eine ausgeprägte Schilddrüsenunterfunktion 
  • Einige Medikamente wie Antidepressiva und Glykokortikoide

Für die Diagnose des metabolischen Syndroms sind eine Erfassung des Gesundheitszustandes, Laboruntersuchungen sowie körperliche Untersuchungen, wie Blutdruckmessung und die Bestimmung von Gewicht und Taillenumfang, erforderlich. Klar abgrenzbare Diagnosekriterien des metabolischen Syndroms gibt es allerdings bislang nicht. Nach den Kriterien der amerikanischen Gesellschaft für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (American Heart Association) müssen für die Diagnose mindestens 3 der folgenden 5 Risikofaktoren vorliegen:

  • Taillenumfang größer als 102 Zentimeter bei Männern oder größer als 88 Zentimeter bei Frauen
  • Überhöhte Triglyzeridwerte (größer als 150 mg/dl) oder Einnahme von Fettsenkern
  • Zu niedrige HDL-Cholesterinwerte (unter 40 mg/dl bei Männern oder unter 50 mg/dl bei Frauen)
  • Erhöhter Blutdruck (oberer Wert: 130 mmHg oder größer und unterer Wert: 85 mmHg oder größer) oder Einnahme von blutdrucksenkenden Mitteln
  • Vorliegen einer Typ-2-Diabetes-Erkrankung oder erhöhte Nüchternblutzuckerwerte von über 100 mg/dl (5,6 mmol/l)

Gut zu wissen:

Die optimale Waffe gegen das metabolische Syndrom ist regelmäßige körperliche Aktivität in Kombination mit einer gesunden und ausgewogenen Ernährung und Gewichtsabnahme.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich dieser Definition im Wesentlichen angeschlossen. Die internationale Diabetes-Föderation (IDF) gibt etwas andere Werte für den Taillenumfang an: Männer größer 94 Zentimeter, Frauen größer 80 Zentimeter.

Der Begriff „metabolisches Syndrom“ und dessen Definition und Bedeutung bleiben jedoch kontrovers. Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) bringt die Definition des Begriffs „metabolisches Syndrom“ keinen Zusatznutzen zur Betreuung adipöser Personen, da sich aus der Kombination einzelner Risikofaktoren keine zusätzliche Vorhersage von Risiken ableiten lässt.

Frühe Warnzeichen

Zwischen dem Beginn eines metabolischen Syndroms und dem Ausbruch eines Typ-2-Diabetes können mehrere Jahrzehnte liegen, umso wichtiger ist es daher, die Veranlagung frühzeitig zu erkennen.

Die frühzeitige Diagnose eines gestörten Zuckerstoffwechsels ist mit Hilfe des oralen Glukosetoleranztests (oGTT) möglich. Je höher der Blutzuckerspiegel ist und je länger hohe Blutzuckerspiegel andauern, desto höher ist der HbA1c-Wert.

Als direkte Warnsignale für das metabolische Syndrom dienen zudem erhöhte Konzentrationen an Entzündungsmarkern im Blut, wie zum Beispiel C-reaktives Protein oder Interleukin-6, sowie reduzierte Werte an Adiponektin, einem Peptidhormon, das in den Fettzellen gebildet wird.

Gut zu wissen:

Eine gestörte Glukoseverarbeitung lässt sich frühzeitig mittels eines oralen Glukosetoleranztests feststellen.

Ein frühzeitiges Gegensteuern ist sinnvoll und notwendig. In der Regel ist eine Lebensstiländerung nötig, um individuelle Risikofaktoren zu reduzieren. Dazu gehören verhaltens- und ernährungstherapeutische Maßnahmen, erhöhte körperliche Aktivität sowie gegebenenfalls medikamentöse Therapieformen.

Zu Beginn eines erfolgreichen Therapiekonzepts sind bei den Betroffenen die individuellen Ursachen und Risikofaktoren zu betrachten. Da Fehlernährung und Bewegungsmangel die Hauptursachen für das metabolische Syndrom sind, stellt eine Korrektur der Lebensweise eine ursächliche und damit sehr effektive Behandlung dar. Schon eine moderate Gewichtsabnahme von 5 bis 10 Prozent des Körpergewichts verbessert die Insulinempfindlichkeit und senkt die Blutfettwerte sowie den Blutdruck laut Empfehlung der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

Die Verbreitung des metabolischen Syndroms nimmt mit dem Alter in der Bevölkerung deutlich zu. Dies belegen zahlreiche internationale Studien, auch wenn deren Vergleichbarkeit wegen unterschiedlicher Studiendesigns eingeschränkt ist.

Wie epidemiologische Studien zeigen konnten, leiden in Deutschland mindestens 6 Millionen Menschen an Diabetes mellitus. Zusätzlich haben mindestens 8 bis 10 Prozent der 55- bis 74-Jährigen einen Typ-2-Diabetes, ohne davon zu wissen. Das sind in dieser Altersgruppe etwa genauso viele Menschen wie Patientinnen und Patienten mit Diabetes. Weitere rund 16 Prozent der Bevölkerung in diesem Altersbereich haben eine gestörte Glukosetoleranz. Pro Jahr entwickeln rund 6 Prozent von ihnen einen Typ-2-Diabetes. Das ergibt insgesamt etwa einen Anteil von 40 Prozent der 55- bis 74-Jährigen mit Glukosestoffwechselstörung oder Typ-2-Diabetes.

Das Problem Übergewicht

Übergewicht ist der wesentliche Risikofaktor für die Entwicklung des metabolischen Syndroms. Die Zahl der fettleibigen Kinder hat sich in den vergangenen 10 Jahren auf mehr als 6 Prozent verdoppelt. Insgesamt wiegt jedes 8. Kind zu viel, etwa 800.000 der 1,9 Millionen übergewichtigen Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind fettleibig oder adipös. Etwa 60 Prozent der Männer und etwa 50 Prozent der Frauen haben einen Body-Mass-Index (BMI) von 25 kg/m² und mehr und sind damit zu dick. Circa 20 Prozent aller Männer und 21 Prozent aller Frauen in Deutschland sind fettleibig (BMI von 30 kg/m² oder größer). Zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr geht das Gewicht um durchschnittlich 15 Kilogramm nach oben.

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Quellen:

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International Diabetes Federation: IDF consensus worldwide definition of the metabolic syndrome. 2006 (Letzter Abruf: 09.01.2020)
Internisten im Netz (Hrsg.: Berufsverband Deutscher Internisten e.V.): Metabolisches Syndrom – Ursachen & Risikofaktoren. (Letzter Abruf: 09.01.2020)
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Stand: 09.01.2020